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Entwicklung der tibetischen Schrift

Pecha Folio
Pecha im Shalu Kloster
Schrift von Thönmi Sambhota

Buchstaben sind das „Schmuckmandala von Körper, Stimme und Geist“

Einige Bemerkungen zur tibetischen Schrift

Dr. Rudolf Kaschewsky
 

Im April 2006 hat Dr. Kaschewsky anlässlich der Vernissage der Ausstellung "Moderne tibetische Kunst -  Collage und Kalligraphie" im  Tibethaus Deutschland e.V. in Frankfurt einen viel beachteten Vortrag gehalten. Der folgende Text ist das dem Vortrag zugrunde liegende Manuskript.

Die Einführung der Schrift

Die tibetische Schrift kann nicht auf eine vieltausendjährige Geschichte zurückblicken, wie etwa die Schrift der alten Ägypter oder Sumerer oder auch die des Sanskrits. Und auch die Geschichte Tibets reicht, wenn wir von Legenden oder mythischen Überlieferungen absehen, kaum weiter zurück als bis ins 7. nachchristliche Jahrhundert. Die tibetischen Chroniken und – auf ihnen basierend – auch die gesamte tibetische Tradition bis hin zu den heutigen Schulbüchern -  sieht die Entstehung der tibetischen Kulturnation eng verknüpft mit der Einführung der Schrift.

Als König Namri Songtsen (tib.: Nam ri srong btsan) um 600 aus vielen verschiedenen Stämmen einen einheitlichen Staat geschaffen hatte und sein berühmterer Sohn Songtsen Gampo (tib.:Srong btsan sgam po) (569-649) auch politisch-organisatorisch das tibetische Reich konsolidiert hatte, wurde dem König bewusst, dass zu einem Staat, einer Kulturnation, auch eine einheitliche der Staatssprache angepasste Schrift gehörte – so wie sie bei allen umliegenden Völkern Indien, China sowie im türkischen Sprachraum längst vorhanden war. So sandte König Songtsen Gampo sieben überaus scharfsinnige Minister nach Indien, um von dort eine Schrift zu besorgen – aber sie kamen nicht weit: Im Grenzgebiet zu Indien machten ihnen - so wird überliefert - bösartige Dämonen (oder waren es die ungewohnten klimatischen Gegebenheiten?) die Weiterreise unmöglich.

Daraufhin suchte der König einen besonders talentierten Minister namens Thönmi Sambhota aus und schickte ihn nach Indien. Dieser schaffte es, bis zu einem hochberühmten Brahmanen namens Libyin, der als Sprachgenie bekannt war, vorzudringen. Und er trug diesem sein Anliegen vor: “Um das zeitliche und das religiöse Heil der Tibeter zu fördern und zu gewährleisten, hat mich unser König hierher geschickt, um die Benutzung der Schriften in Indien zu erlernen und sie nach Tibet schaffen.” Und er legte dem Weisen wertvolle Geschenke vor, die der König ihm mitgegeben hatte.
Der gelehrte Brahmane stimmte großherzig zu, und die Chronisten schildern ausführlich, wie sich beide sogleich an die Arbeit machten. Aus den fünfzig indischen Buchstaben wurden dreißig Grundbuchstaben ausgesucht und für die tibetische Sprache adaptiert. (So waren z. B. die stimmhaften Aspiratae wie gh-, dh-, bh- usw. sowie die langen Vokale und die Diphthonge der indischen Alphabete ausgespart worden, weil sie für das Tibetische nicht gebraucht werden; dafür wurden erst später tibetische Buchstaben geschaffen, um Sanskritworte adäquat wiedergeben zu können.) Überschwänglich bedankte sich Thönmi Sambhota bei seinem indischen Lehrer; natürlich befanden sich nicht nur bloße „Buchstaben“, sondern, sozusagen als Muster, auch buddhistische Texte unter seinen „Mitbringseln“.

Die Geburtsstunde tibetischer Linguistik 

Die Chronisten flechten hier meist eine kleine Episode ein, die zeigt, wie einerseits naiv, andererseits aber auch linguistisch ernsthaft man sich die Adaptierung der indischen Schrift vorstellte. Als Minister Thönmi nach Tibet zurückkehrte und sich auf einem Bergpass ausruhte, tauchte plötzlich ein Mann mit eiserner Rüstung auf, und es entspann sich folgender Dialog. Thönmi fragte den Ankömmling: „Wo kommst du her?“ – „Aus Zhangzhung.“ – „Und wohin des Weges?“ – „Ich gehe nach Za-’or.“ – „Und was machst du da?“ – „Ich gehe dorthin, um Tee (tib. ja) zu kaufen?“ – „Und wann kommst du zurück?“ – „Das ist unbestimmt (tib. ci cha).“ Und sogleich war der seltsame Wanderer verschwunden. Thönmi grübelte über die Worte, die er gehört hatte, nach; darin waren die Laute zha, za, ’a, ja sowie ca und cha enthalten – und er runzelte verdrießlich die Stirn. Ausgerechnet diese sechs Laute fehlten in seinem mitgebrachten indischen Sprachsystem! (Zwar gibt es die Laute ca, cha und ja in den indischen Sprachen [dort tscha, tschha und dscha ausgesprochen], aber etwa in der nepalesischen Aussprache lauten sie tsa, ts-ha und dza, und für letztere hatte er keine eigenen Buchstaben.) Was tun? Er musste für diese sechs Laute eigens für das tibetische Buchstaben neu erfinden; dabei entwickelte er die drei letztgenannten Buchstaben aus den betreffenden indischen, indem er diesen einfach jeweils ein Häkchen anfügte. Dies zeigt die linguistische Akribie, mit der Thönmi der Überlieferung zufolge vorgegangen ist: Die genannten drei Laute sind in den indischen Sprachen nicht „distinktiv“, d. h. egal, ob man „dscha“ oder „dza“ verlangt, man bekommt „Tee“ – im Tibetischen dagegen bedeutet etwa chang (gespr. „tschhang“) „Bier“ und tshang (gespr. „ts-hang“) „Nest“. Demnach hat der große Gelehrte durch eine geniale Idee die tibetische Phonologie „gerettet“. Die Leistung der Schaffung einer tibetischen Schrift ist um so mehr anzuerkennen, als das Tibetische – eine „sino-tibetische“ Sprache – mit dem Sanskrit und den übrigen indischen Sprachen nicht verwandt ist, es sich vielmehr um völlig verschiedene Sprachstämme handelt.

Als Thonmi Sambhota mit seinen Schriftschätzen in Tibet ankam, wurde am Königshof ein großes Fest gefeiert, in deren Verlauf er dem König eine Ode überreichte – vielleicht das erste Stück tibetischer Literatur überhaupt. Der Text besteht zunächst aus vier Zeilen, die alle keinen anderen Vokal als nur a enthalten, sowie je einer, die nur den Vokal e bzw. i bzw. o bzw. u enthalten. Wenn man sich ein Bild von der Kunstfertigkeit, die darin liegt, machen will, so versuche man einmal, im Deutschen vier Zeilen, die alle nur einen Vokal enthalten, zu dichten; ein Beispiel mit dem Vokal a könnte etwa so beginnen: „Was man hat, das sagt man; was man kann, das wagt man.“ Der Text trägt den Titel yi ge’i phud, d. h. „Erstlingsopfer, (das) aus Buchstaben (besteht)“, und schließt mit dem Ausruf: „Ehre sei dir, glorreicher König, geistlicher Sohn Avalokiteshvaras, der du den Namen Songtsen Gampo trägst!“

Nach den übereinstimmenden Angaben der Überlieferung erfolgte diese Schrifteinführung um 650 n. Chr. Was haben wir davon zu halten? Wie ist es denkbar, dass schon wenig später eine Fülle tiefschürfender buddhistischer Texte aus dem Sanskrit in das Tibetische übersetzt wurden – sozusagen buchstäblich aus dem Boden gestampft? Woher hatte urplötzlich die tibetische Sprache die Struktur und das Vokabular, um philosophische Traktate adäquat wiederzugeben? Und wie haben wir jene andere Überlieferung zu deuten, die besagt, dass es eine erste Berührung Tibets mit dem Buddhismus schon in mythischer Urzeit gegeben habe: als nämlich der (von manchen als legendär bezeichnete) König Lhatho thori, der im 3. Jh. n. Chr. anzusetzen wäre, auf dem Dach seines Palastes ein geheimnisvolles Kästchen liegen sah, in dem, als er es öffnete, zwei buddhistische Texte auftauchten? Hatte es also doch schon eine frühere Berührung mit Indien gegeben? Wenn aber der hoch gerühmte Thönmi Sambhota doch um 650 der erste gewesen sein, der den Tibetern zu einer Schrift verhalf: wie ist es dann zu erklären, dass Tibet Jahrhunderte lang sozusagen eine analphabetische Insel inmitten Schrift besitzender Kulturvölker geblieben sein soll? Außer Indien und China sind ja auch der türkische und der iranische Kulturkreis zu nennen, die in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends bereits eine blühende Schriftkultur besaßen und recht nahe an Tibet heranreichten. Und dann gibt es da noch jene chinesischen Annalen, die von den Nomadenvölkern berichteten, die im Gebiet des heutigen Tibet gelebt hätten und eine Art „Knotenschrift“, ähnlich der der Inkas Südamerikas, besessen haben sollen. All das sind Fragen, bezüglich derer, man muss es als Tibetologe fast verschämt sagen, die Wissenschaft bis auf den heutigen Tag nicht über vage Spekulationen hinausgekommen ist.

Schrift und Symbolik

Wer sich mit tibetischer Kultur beschäftigt, weiß auch um den hohen Stellenwert, den darin die Symbolik einnimmt. Und genau so, wie in der (religiösen) Kunst etwa Handhaltungen, Attribute, Farben usw. in ihrem Symbolgehalt festgelegt sind, gilt dies auch für die Schrift – ist sie doch in besonderer Weise Träger, Vehikel der Lehre, d. h. des vom Buddha verkündeten Erlösungsweges.

Die kleinsten Einheiten der gesamten Texttradition sind die Buchstaben. Schon die grundlegende Unterteilung derselben in Konsonanten und Vokale ist symbolträchtig: sie entspricht der tantrischen Dualität von Weisheit (deren Inhalt die absolute Leerheit ist, in der Schrift die Vokale) und Mitgefühl (das sich im Tätigwerden für die leidenden Lebewesen äußert – in der Schrift die Konsonanten). Beide ergänzen sich: der „reine“ Vokal stellt einen Laut, einen Ton dar, ist aber noch nicht phonetisch geprägt – er ähnelt (um ein von den tibetischen Autoren gern benutztes Bild anzuführen) dem Klatschen, das ein ins Wasser fallender abgebrochener Ast hervorruft, oder dem Klang einer Trompete. Der Konsonant, das „Formende“, der ohne Vokal unaussprechbar und somit auch nicht phonetisch aussagekräftig wäre, bewirkt, dass der amorphe (bloße) Ton zu einem Phonem wird, das eine lexikalische Bedeutung hat. (Hierin liegt übrigens ein deutlicher Unterschied zur indischen Einteilung, die sehr wohl auch Vokale ohne Konsonanten als Phoneme kennt.)

Aber auch die Konsonanten unter sich werden wieder eingeteilt – in männliche (die stimmlosen Laute k, t usw.), weibliche (stimmhafte wie g, d usw.), sehr weibliche (die Nasale), neutrale (die aspirierten – also mit einem Hauchlaut versehenen – Konsonanten wie kh, ph usw.) und schließlich „unfruchtbare“ (r, l, h).

Die Buchstaben sind sodann, wie ein kanonischer Text anschaulich beschreibt, das „Schmuckmandala von Körper, Stimme und Geist“, und es werden die Faktoren aufgezählt, die beim Erzeugen der Laute beteiligt sind: Artikulationsstelle (Lippe, Zunge, Gaumen usw.), Aktivität, Vorstellung, Ein- und Ausatmung, Ton (Vokal), Konsonant und Erscheinungsform (also hörbar bzw. sichtbar). Trotz ihrer Vielzahl gehen die (gesprochenen und geschriebenen) Laute letztlich von einem punktuellen „Tropfen“ aus, dessen Entfaltungen ins Sichtbare und Hörbare hinein sie darstellen. Dabei ist der letzte Buchstabe des tibetischen Alphabetes (als „a“ transliteriert, aber als Konsonant aufgefasst) die wahrnehmbare Erscheinungsform des Ur-Buddha, aus der alle anderen Organe/Körperteile entspringen: So haben etwa die Augenbrauen, Unterleib, Hüften, Arme, Herz und Handflächen usw. ihre Symbole in den sog. Halbvokalen ya, ra und va; Augen, Ohren, Nasenkammern und Scheitelauswuchs in den Vokalen.

Nach einer anderen Systematik entsprechen die Buchstaben den 42 Buddhas, so etwa die zerebralen Konsonanten den Buddhas der Fünf Familien, die entsprechenden Dentale den weiblichen Pendants usw. Oder – eine weitere Aufteilung: die sechs Buddhas der Daseinsbereiche, also der Stätten, in denen man wiedergeboren werden kann, sind den Vokalen a, i, u, e und ai zugeordnet, wobei dann dem über allem schwebenden Urbuddha „ksha“ entspricht – eine Ligatur des Sanskrit, deren Schreibweise im Schriftsystem eine Sonderstellung einnimmt.

Am ausführlichsten handelt von diesen Zusammenhängen das Guhyagarbha(tantra), ein Text, in dem die Beschreibung der Buchstaben und ihrer Symbolik mit „Wolke der großen Menge der Buchstaben“ überschrieben ist. Im Zusammenhang mit der tantrischen Vorstellung vom Verwobensein von Mikro- und Makrokosmos kann somit das Lautsystem geradezu als Sinnbild des Tantrismus gesehen werden, da hier die Symbole sowohl räumlich sichtbar (in der Schrift) als auch lautlich hörbar sind und überdies jeweils eine „Bedeutung“ haben, die über ihren jeweiligen Lautwert weit hinausgeht.