English
  
བོད་ཡིག

Die Religionen Tibets

S.H Dalai Lama

Buddhismus allgemein

Der Buddhismus ist eine der fünf großen Weltreligionen. Er geht zurück auf Siddhartha Gautama, der vor etwa 2.500 Jahren in Indien lebte und "der Buddha" (d.h. "der Erwachte") genannt wurde. Der Buddhismus ist zunächst einmal keine Religion, sondern eine Erkenntnislehre, in der es hauptsächlich um das Erkennen der Dynamik des eigenen Geistes geht, aber auch um ethisches Verhalten. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich in den Ländern Asiens verschiedene Richtungen und Traditionen des Buddhismus gebildet, die sich gegenseitig ergänzen und respektieren. Im ursprünglichen Theravada Buddhismus wird die Meditation und das ethische Verhalten sehr betont. In der Entwicklung des Mahayana Buddhismus (der Begriff Mahayana stammt aus dem Sanskrit und bedeutet: Großes Fahrzeug) kommt der Aspekt des allumfassenden Mitgefühls und das Prinzip der so genannten „Leerheit“ (alle Dinge sind leer von einer unabhängigen Existenz...sie sind bedingt) zum Tragen. Der tantrische Buddhismus, der klar auf den Prinzipien der vorgenannten Strömungen fußt, arbeitet stark mit der Anrufung und meditativen Annäherung an so genannte „Gottheiten“, die jedoch nicht als reale Wesen begriffen werden, sondern als eine Art Meditationshilfe, als Symbolbilder. Der Buddhismus erhebt keinen Alleinvertretungsanspruch auf irgendeine Wahrheit und steht zu keiner Lehre, Religion oder Philosophie grundsätzlich im Widerspruch.

Tibetischer Buddhismus

Laut tibetischer Überlieferung wurden im 5. Jahrhundert schon unter König Lhato Tori in Zentraltibet buddhistische Schriften bekannt. Ab dem 7. Jahrhundert gelangte der Mahayana-Buddhismus in mehreren Wellen aus Indien nach Tibet, auch in seiner tantrischen Ausrichtung, die als Vajrayana - Diamant-Fahrzeug - bezeichnet wird. Diese wurde bald unter Einbeziehung der schon vorhandenen kulturellen Elemente zur wichtigen Gesellschaftsformenden Kraft. Es bildeten sich auch hier nach und nach verschiedene Schulrichtungen heraus.

Hier ein kurzer Überblick über die Hauptströmungen des tibetischen Buddhismus:

Nyingma-Schule

Die eigentliche landesweite Verbreitung des Buddhismus in Tibet fand zur Zeit der ersten Übersetzungsphase buddhistischer Schriften aus dem Sanskrit ins Tibetische im 8. Jahrhundert statt. In dieser Zeit bildeten sich die ersten tibetisch buddhistischen Gemeinschaften, deren Nachfolger heutzutage als Nyingmapa bezeichnet werden. Nyingmapa“ bedeutet übersetzt „Die Alten“.

Alte Kadampa-Schule

Die Kadampa-Schule ist eine Vorläufertradition der drei neueren Hauptschulen des tibetischen Buddhismus, die aus der zweiten Übersetzungsphase tantrischer Lehren, von Indien nach Tibet, hervorgegangen sind. Die Kadampa-Tradition wurde durch Dromdönpa, dem Hauptschüler des bengalischen Meisters Atisha, und nachfolgenden Lehrer an alle buddhistischen Traditionen in Tibet übermittelt. Die Schule der Alten Kadampa-Meister ist als eigenständige Schule nicht erhalten geblieben. Sie ist im 14. Jahrhundert in die Gelug-Schule aufgegangen.

Kagyü-Schule

Die Kagyü-Schulen des tibetischen Buddhismus gehen auf Lotsawa Marpa, den Übersetzer (1012 - 1097) zurück. Von seinen Reisen nach Indien brachte er viele tantrische Schriften mit und übersetzte diese ins Tibetische. Marpas Hauptschüler war der in Tibet wegen seiner entbehrungsreichen Lehrzeit und seinen spirituellen Gesängen weithin bekannte Yogi Milarepa (1042 - 1123). Milarepa wurde erst nach einer langen Phase äußerst harter Prüfungen in die tantrische Praxis eingeführt. Milarepas wichtigste Schüler war u.a. Gampopa. Dieser begründete die für die Kagyü-Schulen typische Form der Belehrung, indem er die klösterliche Tradition der früheren Kadampa und die Yogi-Tradition der indischen Meister miteinander verschmelzen ließ.

Sakya-Schule

Sakya war ursprünglich der Name eines von Khön Könchog Gyalpo (1034-1102) begründeten Klosters mit Hauptsitz nahe Shigatse in Südtibet. Die tantrischen Lehren der Sakyapa wurden von Bari Lotsawa im elften Jahrhundert aus dem Sanskrit übersetzt. Er reiste nach Indien und brachte verschiedene tantrische Lehren nach Tibet. Die Sakya-Tradition wurde daraufhin von den "fünf ehrwürdigen höchsten Meistern" zur vollen Blüte gebracht. Zu diesen zählen Sachen Kunga Nyingpo, Sonam Tsemo und Drakpa Gyaltsen, der 1. Sakya Pandit Kunga Gyaltsen und Dromtön Chögyal Phagspa Lodro Gyaltsen. Die Lehren des Lamdre, die in enger Verbindung zum Hevajra-Tantra steht, ist eine der Hauptübertragungen der Sakya. Das derzeitige Oberhaupt der Sakya-Tradition ist Sakya Trizin (* 1945).

Gelug -Schule

Sie geht zurück auf das Wirken des großen Meisters Je Tsongkhapa (1357-1419). Tsongkhapa fasste die buddhistischen Texte der neueren Übersetzungen in seinem Werk Lamrin Chenmo (Große Darlegung des Stufenwegs) zusammen. Der "Lamrim-Stufenweg zur Erleuchtung" ist bis auf den heutigen Tag die Grundlage des von den Gelug gelehrten Erleuchtungsweges. Die Dalai Lamas, wichtige Lamas der Gelug, hatten eine bedeutende geistliche Rolle und, seit der Zeit des V.Dalai Lama bis zur chinesischen Besetzung Tibets, die 1950 begann, auch die weltliche Herrschaft über Tibet inne. Das geistige Oberhaupt des Gelug-Ordens ist der immer der Ganden Tripa, der gewählt wird. Die drei wichtigsten Klöster des Ordens sind Ganden, Sera und Drepung.

Rime - eine nichtsektiererische Bewegung

Im 19. Jahrhundert entstand durch die Meister Jamyang Khyentse Wangpo, Jamgon Kongtrul und Orgyen Terdak Lingpa die so genannte "Rime-Bewegung", die Gruppenübergreifende Lehren aus allen Gegenden Tibets und von Meistern aller Traditionen sammelte.

Konkurrenz und Sektierertum unter den verschiedenen buddhistischen Schulen Tibets sollte so überwunden werden.

In unserer Vorstellung ist Tibet oft ein buddhistisches Land. Tatsächlich müssen jedoch der Buddhismus, dem ca. 90 % der Bevölkerung anhängen, die Bön-Religion und eine Art Volksreligion unterschieden werden.

Etwas zur Bön-Religion:

Bön - Religion
Sie war die vorherrschende Religion in Tibet bis im 8. Jahrhundert der Buddhismus ins Land gelangte und von schamanistischen und animistischen Glaubensvorstellungen geprägt. Für die Bönpos bedeutet das Wort „Bön“ soviel wie „Wahre Lehre“. Mit dem Vordringen des Buddhismus in Tibet kam es zu einer starken gegenseitigen Beeinflussung der beiden Religionen, wobei aus dem Bön vorwiegend schamanistische Elemente in den Buddhismus gelangten, umgekehrt der Buddhismus die Philosophie des Bön so weitgehend überformte, dass vielfach die Unterschiede nur mehr in der Terminologie und Ikonographie feststellbar sind. Zudem tragen die Bön-Mönche blau umsäumte Westen, und die Gläubigen umwandeln heilige Objekte im Gegenuhrzeigersinn. Die Bönpos sind oft buddhistischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Die meisten verbliebenen Klöster finden sich in West - und Osttibet. Die Bön-Religion wurde im Zuge des Bemühens um eine Liberalisierung der Gesellschaft 1977 als spirituelle Schule von der tibetischen Exil-Regierung förmlich anerkannt.