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Heilkunde

ein Arzt mit Patienten
Baum als Symbolbild für Krankheitsursachen
Heilen

 

von Prof. Dr. Klaus Jork

Das tibetische Wort für Gesundheit bedeutet sinngemäß übersetzt „sich auf das verlassen, was einem entspricht“. Dieser Begriff zeigt, dass in diesem traditionellem Medizinsystem außer dem somatischen Verständnis auch Empfindungen, das Handeln und Verhalten in Gesundheit und Krankheit eine wesentliche Rolle spielt. Als primäre Krankheitsursachen werden Begierde, Hass und Unwissenheit angesehen, womit deutlich wird, dass psychosomatischen Zusammenhängen eine große Bedeutung zuerkannt wird.

Die Diagnostik der Tibetischen Heilkunde basiert vor allem auf der Befragung, dem Tasten, der Puls- und Urin-Diagnose. Mit diesen Untersuchungen werden seit Jahrhunderten Erfahrungen gesammelt, lange bevor es ein naturwissenschaftliches Verständnis mit moderner Diagnostik gab. Auch heute bietet deswegen in abgelegenen Bereichen des Himalaya und in der Mongolei die tibetische Heilkunde oft die einzige Möglichkeit, eine angemessene Behandlung aufgrund fundierter Erfahrung durchzuführen.

Ein erfahrener tibetischer Arzt unterscheidet mehr als 30 Pulsarten. Sie werden unterteilt in Jahreszeitenpulse, in solche, die Auskunft geben über die Konstitution, über die Voll- und Gefäßorgane, über Gesundheit und Krankheit; aber es ist auch ein Lebensdauerpuls und ein Todespuls bekannt. Die Konstitution wird geprägt von den drei Energiesystemen „lung, tipa und bekän“, übersetzt mit den Begriffen Wind, Galle und Schleim – allerdings in einem feinstofflichen Verständnis und nicht in wörtlichem Sinn, wie wir ihn kennen.

Die drei Energien werden als Wurzel der Geistesverfassungen betrachtet. Dabei bezieht sich „lung“ auf 42 Krankheiten, die durch die Begierde nach der Erfüllung des Lebensdurstes entstehen. Der Widerwille oder Hass gegen alle Hindernisse, die dem entgegenstehen, bezieht sich auf „tipa“ und erzeugt 26 Krankheiten, und „bekän“ auf die Verblendung, die sich als Ich-Wahn manifestiert und für 33 Krankheiten verantwortlich ist. Durch Ernährung und Lebensweise, aber auch durch Arzneimittel wird das gestörte individuelle Gleichgewicht wieder hergestellt. Die Medikamente sind vorwiegend aus pflanzlichen Bestandteilen, aber auch aus mineralischen und tierischen Substanzen zusammengesetzt.

 

aus dem Chökor Tibethaus Journal Nr. 40    (www.tibethaus.com)