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Moderne tibetische Kunst Artikel im Tibet Forum 2006

Eingang der Gendün Chöpel Gallery in der Altstadt von Lhasa

 

"We Tibetans have the right to eat Kentucky fried chicken!” 1

Zeitgenössische tibetische Kunst aus Lhasa

Elke Hessel

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hat es auf dem Dach der Welt so etwas wie moderne Kunst nicht – oder nur im geringen Umfang – gegeben, da die tibetische Gesellschaft relativ traditionell und isoliert lebte. In den letzten Jahrzehnten hat sich unter westlichem und chinesischem Einfluss ein neuer, sehr eigenwilliger, tibetischer Malstil herausgebildet: Alltagsmotive mischen sich mit buddhistischen Themen, Öl und Tuschemalerei, das Verwendung von herkömmlichen natürlichen Pigmenten, aber auch Collagetechniken sind verbreitet. Die Kunstszene in Lhasa entwickelt sich momentan sehr schnell. Es sind schon die ersten Galerien eröffnet worden, und der asiatische und westliche Kunstmarkt  zeigt inzwischen reges Interesse.

 

Ausstellung in Königswinter

Erstmals in Deutschland zu sehen waren im Sommer dieses Jahres Arbeiten der Künstler aus der Gendün Chöpel2 Artist Guild in Lhasa sowie zweier Maler, die im Westen leben, aber in Lhasa aufgewachsen sind.

Das Siebengebirgsmuseum in Königswinter präsentierte die Ausstellung „Moderne Kunst vom Dach der Welt – Zeitgenössische Malerei aus Tibet“ im Rahmenprogramm der Internationalen Tibetologenkonferenz, die vom 26. August bis 2. September 2006 mit bis zu 500 Teilnehmern aus der ganzen Welt  (davon vielen Tibetern aus Tibet und dem Exil) stattfand. Es gab einen eigenen umfangreichen Kunst Panel: „Contemporary Tibetan Visual Culture“, an dem auch drei der tibetischen Künstler teilnahmen. So ergab sich die höchst spannende Situation, dass sich tibetische Kunstmacher und Forscher Aug in Aug gegenüberstanden.

Besonders erhellend für mich war der Lichtbildvortrag eines der bekanntesten Künstler und Unidozenten aus Lhasa, der glaubhaft vor Augen führte, dass sein ganzes Streben dahin gehe, „tibetische Kunst“ zu machen. Er erklärte dies z.B. an Hand eines frühen Ölbildes, einer surrealen wüstenartigen Landschaft mit einem überdimensionalem Yarlung Dynastie Steinlöwen, der in horizontale Scheiben geschnitten ist. Für mich mit meinen „westlichen Augen“ ein ganz klares Zitat Dalis, für den Künstler ein Ausdruck der Suche nach dem „Tibetischen“. Seine Entwicklung geschieht auf dem Nährboden einer sich gewaltig ändernden tibetischen Gesellschaft, die einen Spagat geht zwischen postkommunistischen Fundamentalismus, globaler Internetkultur und Resten einer buddhistischen Hochkultur.

Wir Westler hätten es oft gerne einfach. Tibet ist entweder „unterdrückt oder erleuchtet“. Dass wir es mit einer sehr komplexen modernen Gesellschaft zu tun haben, begreifen wir schwer.

Kunst hat immer Spiegelfunktion. So auch in der Ausstellung in Königswinter.

Ein Großteil der Exponate stammt als aus der 2003 gegründeten Gendün Chöpel Artists’ Guild, Tibets erste Produzentengalerie, die sich um den Aufbau eines Kunstmarktes, Atelierräume und Austausch mit westlichen Künstlern bemüht. Zurzeit ist sie ein Zusammenschluss von etwa 20 Künstler/Innen, denen auch drei in Tibet gebürtige chinesische Maler angehören. Ziel der Künstlergruppe ist es die moderne tibetische Kunst vor dem Hintergrund der Tradition neu zu interpretieren. Zu sehen ist zum ersten Mal ein breites Spektrum an Techniken, ein Zeichen dafür, dass sich die Künstler viel stärker als früher mit zeitgenössischer chinesischer und westlicher Kunst auseinander setzen können. Viele tibetische Künstler haben inzwischen an renommierten chinesischen Kunstakademien studiert. Die Universität Oslo lädt regelmäßig tibetische Stipendiaten zum Kunststudium ein, westliche Künstler kommen nach Lhasa, und nicht zu vergessen sind die Internetinformationen, derer sich die Künstler und Studenten bedienen.

Markantester Vertreter der Künstler ist der 1963 geborene Tsewang Tashi, der einen Lehrstuhl an der Universität Lhasa innehat. Seine großformatigen hyperrealen Portraits junger Tibeter, die wie von einer dünnen reflektierenden Plastikschicht überzogen zu sein scheinen, zeigen die Sehnsucht nach einer neuen Identität.

Tsering Nyandrak - ein aus dem Exil zurückgekehrten junger Tibeter (übrigens der einzige, der schon einmal 2001 in Berlin eine Einzelausstellung gehabt hat) - provoziert durch seine auf dem ersten Blick fast schon zotig wirkenden Bilder, auf denen sich Betrunkene und nackte Bauernschönheiten tummeln: ein Irrtum, es handelt sich um verschlüsselte Metaphern, bei genauerem Hinsehen entdeckt man z.B. auf einer grob herausgestreckten Zunge tibetische und englische Wortfragmente  äußerst kritischen Inhalts. Der Künstler Kaltse montiert mit Hilfe der Computertechnik in guter Popartmanier einen Yak aus tibetischer Schrift, amerikanischer Flagge, Coladose und chinesischer Werbung und demontiert damit gleichzeitig eine tibetisch-sozialistische Ikone (Ein markantes Wahrzeichen Lhasas sind zwei vergoldete Yaks, die an Kitschigkeit nicht zu überbieten sind). Wenige Bilder beschäftigen sich noch mit dem Themen, die in den 90gern die moderne tibetische Kunst dominierten3. Poetische Landschaften, Fragmente von Mandalas und alt anmutenden Wandmalereien mit Buddhas und anderen buddhistischen Motiven finden sich selten. Bei näherem Hinschauen entpuppt sich dann z.B. das Mandala von Chamsang als Montage von unterschiedlichen, traditionellen Mandalaelementen - unverständlich und unbrauchbar für einen praktizierenden Buddhisten. Ist das Unkenntnis oder bewusste „Blasphemie“? Die beiden Vertreter aus Lhasa, die im Exil leben, zeichnen sich durch eine subtile feinsinnige Darstellung aus: Der in London lebende Gongkar Gyatso zeigte zwei kleinformatige Buddha-Silhouetten, die bei näherem Hinschauen aus unzähligen glitzernden Pokomon-Klebebildchen zusammengesetzt sind. Puntsok Tsering aus Düsseldorf kombiniert freie tibetische Kalligrafie und eigene Gedichte mit Collageelementen - Briefmarken, Fotos, Papieren. Es sind biografische Bilder, die sein Leben im Exil, das Wandern zwischen den Kulturen ausdrücken.

Ein Künstler aus Lhasa, Benpa Chungda, der momentan in Oslo studiert und der in der Ausstellung mit zwei poetischen Acrylbildern vertreten war, bestreitet inzwischen ganz eigene Wege: In der durch Videofilm dokumentierten Aktion „Floting River Ice“ von 2003 bezieht sich Chungda auf die im tibetischen Buddhismus verwurzelte Kunst des Sandmandalas. Chungda zeichnet nachts auf einer Straßenkreuzung in Lhasa mit Kalk Rechtecke und Figuren auf den Asphalt. Seine geschaffenen Wesen überleben die Nacht nicht. Als am frühen Morgen den Ort wieder aufsucht, sind sie von fahrenden Autos durchzeichnet und verlaufen. Die Zerstörung der Sandmandalas, an denen Mönche oft wochenlang arbeiten, ist auch in der Tradition fester Bestandteil des Rituals und verweist wieder auf die Unbeständigkeit aller Dinge4.

Die Situation der Künstler in Lhasa

In meiner Schilderung der mir am besten bekannten Künstler fällt eines auf: Es sind alles - bis auf die Malerin Ditrön - Männer.  Die allermeisten Künstler arbeiten als Lehrer, bzw. Hochschullehrer an der Lhasa Universität5 oder bekleiden einen Posten in der staatlichen Lhasa Artist Association, der ihnen ein Grundgehalt, oft ein Atelier, verbilligte Mahlzeiten in der Kantine und auch den Ankauf von Bildern garantiert. Diese – für westliche Künstler traumhaft klingende – Ausgangssituation hat natürlich auch ihre Kehrseite. Die Künstler können jederzeit zu irgendwelchen Arbeitseinsätzen „abkommandiert“ werden, um Plakate, Bühnenbilder, Transparente für staatliche Belange herzustellen. Das staatliche Grundgehalt allein ist natürlich nicht ausreichend, um davon die nicht unerheblichen Materialkosten, die ein Künstler hat, zu bestreiten. Ölfarben, Qualitätspinsel, Reinigungsmaterialien, Leinwand, alles das muss aus China importiert werden.

Neben der international orientierten Gendün Chöpel Gallery existieren jedoch etliche Touristengalerien z.B.: am Sommerpalast, am Fuße des Potala oder in den großen Hotels.

Und damit beginnt das Elend vieler tibetischer Künstler – und dieses Schicksal teilen sie mit etlichen ihrer Kollegen in asiatischen Touristenhochburgen -. Sie müssen nun eine künstlerische „Doppelidentität“ aufbauen, indem sie „Touristenbilder“ zu malen beginnen.

Fleißig arbeiten sie im bewährten naturalistischen, technisch oft perfekten Stil, benutzen als Vorlagen Photos mit Darstellungen von Mönchen, Nomaden, Klöstern, Yaks. Fast alle diese Werke zeichnen sich durch eine starke Distanz und Emotionslosigkeit aus. Der Künstler dahinter- ob Tibeter oder Chinese, Mann oder Frau, ist eigentlich unwichtig oder austauschbar. So verbringen sie ihre Tage damit, Ölbilder  in „Kofferformatgröße“ zu produzieren. Nebenbei erhoffen sie, dass sie noch genügend Zeit finden, ihre „eigene Kunst“ zu machen6.

Die zeitgenössische tibetische Kunst ist ein fragiles Etwas: Sie gewinnt an Eigenständigkeit, sie verkörpert eine moderne tibetische Identität, und sie erfährt inzwischen internationale Anerkennung. Andererseits besteht die Gefahr, dass einige wenige ausgesuchte Künstler zu verhätschelten Stars des (wiederum schnelllebigen) Kunstmarktes gemacht werden und der Rest als Touristenkünstler sein Dasein fristet.

Somit wären die Tibeter wieder einmal Projektionsfläche für westliche Sehnsüchte.

Eine Chance besteht darin, die tibetischen Künstler zu sehen wie sie sind: Sie sind moderne Menschen mit einem großen Wissensdurst, einem wachsenden Bewusstsein für die Kostbarkeit und die Bedrohung ihrer alten Kultur und Religion. Sie sind zumeist hoch gebildet und gut informiert, spüren eine soziale Verantwortung. Und das alles trotz  andauernder politischer Unfreiheit.

Der tibetische Künstler Gade hat einmal in einem Interview in Bezug auf den Mythos Tibet gesagt: "We Tibetans have the right to eat Kentucky fried chicken!” Vorauf ein anderer Künstler meinte: Aber wir müssen nicht!“

 

1 - Zitat des tibetischen Künstlers Gade, Dozent an der Lhasa Universität und Mitglied der Gendün Chöpel Gallery.
 2 - Gendün Chöpel (1903-51) war der erste moderne tibetische Maler und Poet, der durch seinen Freigeist, seine Unkonventionalität und seine vielfältigen Begabungen ein bleibendes Vorbild für die jungen tibetischen Intellektuellen geworden ist.
3- Siehe auch: Claire Harris, The Image of Tibet
 4- Zitiert aus dem Artikel von Anna Bremm, Zeitgenössische Tibetische Kunst, Berlin 2006
 5- Das Art Department of the Tibet University wurde 1985 gegründet und verfügt über zwei Hauptbereiche: Malerei und Musik. Momentan studieren dort ca. 180 Studenten in fünf Grundstudiengängen und zwei Meisterstudiengängen. Es gibt 40 Professoren, Dozenten und Assistenten, also deutlich mehr als im europäischen Vergleich! 
6 - siehe auch: Elke Hessel:  „Modern Artists in Lhasa“, Artikel veröffentlicht im "Tibet Journal", Spring  2002
mit Künstlern in Geden Chöpel Gallerie