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Gedanken einer Tibeterin über die Zeit

Der Morgenruf des Hahnes

Gedanken einer Tibeterin über die Zeit

Chung Dolma

Es wird gesagt - und die meisten Tibeter stimmen dem zu -, dass Tibeter gewöhnlich keinen stark ausgeprägten Sinn für Zeit oder gar Pünktlichkeit haben. Deshalb ist es für Tibeter sehr gebräuchlich oder normal, sich mehr als eine halbe Stunde oder mehr zu einer Verabredung zu verspäten. Diese schlechte Angewohnheit unter Tibetern beschäftigt mich so manches Mal; ich grübele oft darüber. Darüber nachdenkend erkenne ich, dass die Art und Weise, wie die Tibeter ihre Zeit bemessen, in ihrer Geschichte verwurzelt ist.
Das erinnert mich an die glücklichen Tage meiner Kindheit.
Heute befinden sich in fast jeder tibetischen Familie, außer in einigen sehr abgelegenen Gegenden, Uhren, um die Zeit zu messen. Wie auch immer, in der Vergangenheit "lasen" die Tibeter die Zeit anhand vieler Indizien aus der Natur anstatt von Geräten. Offensichtlich lässt sich auf diese Art die Zeit nur grob bemessen. Diese einfache Art der Zeitbemessung machte es unmöglich, die Zeit exakt in Minuten und Sekunden zu nennen.

Der gebräuchlichste Weg in Tibet die Zeit zu bemessen, war der Morgenruf des Hahnes, das Aufsteigen und Untergehen einiger besondere Sterne wie der Metall-Stern oder der Karma Pasang und die Position der Sonne am Tage.
Ich schätze mich glücklich, zu jener Zeit auf dem Land geboren und aufgewachsen zu sein und solche besonderen kulturellen Eigenheiten erfahren und beobachtet zu haben. So weit ich mich erinnere, waren wir vom Hahnenruf am Morgen abhängig. Wenn sich die Erwachsenen verabredeten, um  gemeinsam zur Arbeit zu gehen, dann einigten sie sich auf eine Zeit nach dem "ersten
Hahnenruf", "zweiten Hahnenruf" oder dem "dritten Hahnenruf". Die kam aber nie exakt zur selben Zeit vor, da ein paar Familien einen Hahn besaßen.
Damals machte ich mir viele Gedanken, ob die Hähne in jeder Familie zur selben Zeit krähten und fragte meine Mutter. Sie antwortete: "Sicher, die Hähne haben alle denselben Zeitinstinkt und krähen meistens zur selben Zeit."

Neben dem Hahnenruf am Morgen, maßen wir die Zeit anhand des Metall Sterns, auf Tibetisch auch To Rang Karchen genannt, welcher zur Morgendämmerung im Osten des Himmels erscheint. Das erinnert mich sehr an meine Zeit, als ich noch zur Grundschule ging und meine Mutter mich jeden Morgen aufweckte und mich darum bat zu prüfen, ob Tor Rang Karchen am östlichen Himmel bereits aufgegangen sei. Ich liebte diese Art der Beschäftigung, weil es eine sehr gute Gelegenheit war, so das Wohlwollen meiner Mutter zu gewinnen. Und ich mochte es, wenn meine Mutter den anderen erzählte: "Chung la ist ein gutes Kind und überhaupt nicht faul. Sie steht unmittelbar auf, wenn ich sie am Morgen geweckt habe." Nachdem To Rang Karchen aufgegangen war, weckte ich meine ältere Schwester Tashi Paldan. Sie war eigentlich immer die erste in der Familie, die aufstand. Sie erledigte dann eine Reihe an Hausarbeiten wie Wasser holen vom Fluss, die Asche vom selbst gebauten Bodenherd zu entfernen, Wasser zu kochen, Tee zu brühen und Buttertee zuzubereiten etc. Manchmal musste ich zwei-, oder dreimal aufstehen, weil sich der Stern am Himmel noch nicht gezeigt hatte. Aber ich tat diese Arbeit ohne jede Beschwerde.

Am Tage maßen wir die Zeit an der Position der Sonne am Himmel. Schon als Kind hütete ich die Schafe und Herden im Grasland zusammen mit den Erwachsenen, z.B. meine Mutter und mein Großvater. Manchmal ging ich freiwillig, und manchmal musste ich helfen, da es zu wenige Arbeitskräfte in der Familie gab.
Großvater - in meinen Augen ein sehr anerkannter Mann damals - brachte mir bei, wann wir entsprechend des unterschiedlichen Standes der Sonne zum Weiden aufbrechen sollten, unser Abendbrot zubereiten, wann wir den Kühen und Schafen Wasser geben oder wann sie wieder einsammeln sollten. Glücklicherweise ist die Atmosphäre in Tibet nicht verunreinigt, und es gibt kaum bewölktes Wetter oder auch wenn es bewölkt ist, kann man die Sonne sehen.

Gama Pasang war ein weiterer Stern, der zum Messen der Zeit eine Rolle spielte. Dieser Stern verschwand oft zur Abenddämmerung, wenn andere Sterne einer nach dem anderen zu funkeln begannen. Meine Spielkameraden und ich spielten ungeachtet der näher rückenden Dunkelheit. So mussten normalerweise unsere Mütter kommen und uns Kindern sagen: "Ihr müsst nun nach Hause gehen, es ist schon eine Weile vergangen, seit Gama Pasang unterging."

Wie die Zeit vergeht! Und ich bin längst nicht mehr das kleine Mädchen, das zusammen mit ihrem Großvater, der vor zwei Jahren verstarb, auf die Weide ging. Heute vermisse ich die alte Methode, die Zeit zu erkennen. Heute besitzt unsere Familie viele Uhren unterschiedlicher Art. Ich vermisse Tor Rerng Gerchin und Gama Pasang, deren Existenz ich fast vergessen habe,
nachdem ich mein Heimatdorf vor mehr als ein Jahrzehnt verlies.

Ich vermisse die Tage, an denen wir sorglos waren und der Natur nah. Ich vermisse die Tage mit meinem Großvater auf dem weitem Grasland oder dem Farmland. Wie sehr wünsche ich mir diese glückliche Zeit zurück.

Übersetzung aus dem Englischen: Daniela Mieritz

 
Chung Dolma studierte Englisch an der Universität für Auslandsstudien in Peking. Seit Ende des Studiums arbeitet sie in Lhasa.