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བོད་ཡིག
Weg zur Luftbestattungsstätte

Luftbestattung in Tibet

 
Schon oft habe ich in am Himmel Tibets immense Ansammlungen von Geiern gesehen, die sich irgendwann in großen Spiralenbewegungen immer tiefer gleitend langsam meinen Blicken entzogen. Ich wusste: dort, wo sie sich niedergelassen hatten, findet eine Luftbestattung statt, und die sterblichen Überreste eines Menschen werden an sie verfüttert. Das Bild der kreisenden Geier, die auf etwas hinweisen ohne dass ich es sehen kann, hat sich tief in meinem Bewusstsein verankert; ,ich verbinde es mit Tibet  genauso wie die Schneebedeckten Berge, die chinesischen Kasernen oder die weißen Stupas.
All die Jahre habe ich immer so etwas wie eine "heilige Scheu" vor diesem Ritual besessen, habe nie bewusst danach gedrängt, meine Fantasiebilder  gegen wirkliches  Erleben auszutauschen.

 
Bei uns im Westen stößt die Sitte des Bestattens der Leichen durch Zerhacken und Verfüttern an die Geier auf ein sehr unterschiedliches Echo. Es reicht von voller Ablehnung als extrem barbischen Akt, über pragmatische Kommentare wie: " na ja, wenn das bei denen Tradition hat und der Boden dauernd gefroren ist …" bis hin zu einer fast schon perversen, voyeuristischen "Faszination des Grauens". Gerade die letztgenannte Einstellung ärgert die Tibeter am meisten. Westliche und asiatische Touristen und Journalisten haben es in den zurückliegenden Jahren immer wieder geschafft, detailreiche Photos und Filme über die Luftbestattungen zu erhaschen – alles natürlich heimlich und ohne Respekt gegenüber den Bestattern und Familienangehörigen. Die wenigen akzeptablen Augenzeugenberichte habe ich von befreundeten Tibetologen oder auch Tibetern erhalten, die alle ohne Kamera und im Einklang mit den örtlichen Sitten teilgenommen haben.

Als abschreckendes Bespiel ist mir ein in Hongkong publizierter Artikel bekannt, der in genüsslich- makaberer Art und Weise die Zerteilung einer Leiche einer jungen, tibetischen Schwangeren in Zentraltibet beschreibt. Dieser wurde mir triumphierend von einer in Deutschland arbeitenden Chinesin mit den Worten: " Schau her was deine friedlichen und heiligen Tibeter alles machen" unter die Nase gehalten und trägt nur zur Verbreitung von Vorurteilen bei.

Um der Grenzüberschreitung Einhalt zu gebieten haben die Behörden in Lhasa seit vielen Jahren in jedem Hotelzimmer einen Zettel aufgehängt, auf dem der Tourist in chinesischer und englischer Sprache streng vor den strafrechtlichen Konsequenzen des Besuchens und Filmens von Luftbestattungen rund um Lhasa gewarnt wird…. Aus Rücksichtnahme vor den einheimischen Sitten

Grundsätzlich ist anzumerken, dass im tibetischen Kulturraum  - im Vergleich zum christlich geprägten Europa  - eine grundsätzlich andere  Bewertung von Körper und Geist existiert. Sie findet insbesondere ihren Ausdruck in vielen Sterbe- und Todesritualen – wie z.B. die Powa-Praxis - , die alle im Sinn haben, das (subtile) Bewusstsein des Verstorbenen auf seinem Weg in eine neue Existenz zu begleiten. Hier geht es also um die "Würde" und den Schutz von etwas nicht Greifbaren!

Auf der anderen Seite wird der tote Körper, nachdem man angenommen hat, dass das Bewusstsein ihn endgültig verlasse habe, in einer für das westliche Gefühlsempfinden pietätlosen Art und Weise, fast wie ein " anonymer Klumpen Fleisch, Knochen und Organe" behandelt.

Alle Toten in Tibet werden, mit Ausnahme von hohen Würdenträgern, die verbrannt oder einbalsamiert werden und Verbrechern, die vergraben  oder in den Fluss geworfen werden, Luftbestattet. Viele Tibetologen gehen davon aus, dass diese Sitte aus Indien, evt. sogar aus Persien übernommen worden ist. (z.B. gibt es im Bombay immer noch die "Türme des Schweigens", in denen traditionell  die Volksgruppe der Parsen ihre aufgebahrten Toten den Geiern darbietet).

Das Zerteilen der Leiche in "schnabelgerechte" Stücke ist Profiarbeit und wird von einem eigenen Berufsstand, den "Ragyapa" (deutsch etwa: " die jenseits de Stadtbegrenzungen Lebenden) oder "Domden" (deutsch: "die über jede Anhaftung Hinausgegangenen) ausgeführt. Diese genießen traditionell in Lhasa ( genauso wie Metzger und Schuhmacher ) kein hohes Ansehen, sind in anderen Gegenden Tibets jedoch sehr respektiert. Ihre Arbeit verrichten sie auf den immer abseits der großen Ansiedlungen liegenden Leichenäckern, den sogenannten Dodrö, die genauso von den meisten Tibetern mit gemischten Gefühlen betrachtet werden. Sie gelten einerseits als  Angst einflößende Wohnorte wilder Tiere, böswilliger Geister und des Dodag ( dur' bdag'),  des Herrn des Friedhofes und andererseits als segensreiche Kraftplätze, an denen man leicht Verdienste für ein besseres Karma ansammeln kann.

Rund um Lhasa gibt es z.B. acht bevorzugte Leichenplätze, die als identisch zu den berühmten acht Leichenstätten in Indien gelten. Es sind zumeist  durch Gebetsfahnen abgetrennte Areale, in deren Mitte ein großer flacher Stein oder eine mit Kieselsteinen ausgelegte Fläche vorhanden ist.

Als ich im Herbst des letzten Jahres nach Lhasa kam, überfielen mich meine Freunde gleich am zweiten Tag mit der Nachricht, dass sie gerne mit mir eine Fahrt  in ein ca. 130 km entferntes altes Kloster unternehmen wollten. Sie hätten nämlich gehört, dass es dort erlaubt sei, Luftbestattungen zu sehen. Zunächst zögerte ich und hatte Bedenken, lediglich eine respektlose Touristin zu sein. Ich bat daher einen befreundeten alten Mönch um Rat. Dieser lachte und meinte, ich sollte mir keine Gedanken machen, ich sei schon so lange Buddhistin (wie übrigens meine anderen westlichen Freunde auch), und es sei eine überaus verdienstvolle Praxis, besonders an jenem Bestattungsort, zu dem wir hinreisen wollten …

Eine Woche später brechen wir am frühen Morgen von Lhasa aus auf, um auf Schotterpisten zum alten Kloster zu gelangen. Wir, das sind eine moderne städtische Tibeterin, eine amerikanische Ärztin der traditionellen tibetischen Medizin, zwei europäische Malerinnen und ein junger tibetischer Fahrer, der -  wie sich später überraschenderweise - heraus stellt, sehr viel Erfahrung im "Umgang" mit Leichenäckern hat.

Am frühen Nachmittag, nachdem wir eine endlos lang erscheinende Zeit durch ein breites, wildes Tal gefahren sind, sehen wir plötzlich hoch oben über dem Talgrund das wie ein Luftschloss in den Wolken liegende Kloster.
Als wir oben ankommen, stürmt es und dichte, weiße Nebelschwaden ziehen in schneller Folge wie riesige Luftschiffe an uns vorbei. Nachdem wir zitternd vor Kälte ein kleines Zimmer in der Klosterherberge bezogen haben, schlägt uns unser Fahrer vor, zunächst den Haupttempel des Klosters zu besuchen. Im dämmerigen Schreinraum ruft uns ein Mönch zu sich und bietet uns kleine Talismane zum Kauf an. Als wir die merkwürdigen Gebilde, die wie winzige, dunkle, von Narben und pockenähnlichen Erhebungen überzogene Äste aussehen, erstaunt beäugen, erklärt er uns, dass diese Abwehrzauber gegen böse Geister und Untote seien.
Etwas zögerlich hängen wir uns die Schutzamulette um.  Als unser Fahrer fragt, wann die nächsten Luftbestattungen stattfinden werden, sagt der Mönch: "Morgen – noch vor Sonnenaufgang." Dann rät er uns, den Leichenacker auch heute schon zu besuchen und ihn zu umrunden – als heilsame Handlung.
Wir laufen auf sein Geheiß hin auf schmalen Wegen weit aus dem Terrain des Klosters heraus, bis sich vor uns das grandiose Bild einer von flatternden Gebetsfahnen umgrenzten Alm eröffnet, die mit einzelnen dunklen Nadelbäumen bewachsen ist und zur Talseite steil herab fällt. In der Mitte ist ein von einem Maschendrahtzaun umgebenes Areal zu erkennen, mit einer großen runden Fläche aus kleinen Steinen, ein paar dicken, tischartigen Steinen und einem Räucherofen im Zentrum.
Dieser entlegene Ort gilt den Tibetern als Entsprechung zu der berühmtesten indischen Leichenstätte namens Sitavana, und die Legende erzählt, dass ein Regenbogen beide Plätze miteinander verbinde.
Ich setze mich in den Windschatten eines weißen Stupas und verabrede mit den anderen, dass ich hier ein Weilchen alleine bleiben möchte, um den Ausblick zu genießen. Zunächst äußert unser Fahrer Bedenken. Es gäbe hier wilde Hunde, die, wenn man sich nicht richtig verhalte, gefährlich werden könnten. Aber, nachdem ich  entsprechend instruiert worden bin, was im Notfall zu tun sei, lassen meine Begleiter mich alleine.
Vom fast blauen Himmel beginnt es zu schneien, dicke Flocken wie weiße Blüten, die um mich herum wirbeln und mich in einen Zustand der Begeisterung versetzen.
Doch plötzlich ist da dieser Hund! Er steht wie aus dem Erdboden gewachsen ganz nah vor mir, riesig und schwarz – ein wahrer Höllenhund - , und seine gelben Augen schauen mich forschend an. Selber Schuld, denke ich, wenn ich auf einem tibetischen Friedhof alleine bleiben will wie eine tolle Yogini! Nun bloß keine Angst anmerken lassen: " Na, Hundchen, bist du auch ein Herr des Friedhofs? Was willst Du von mir?" So kommt es freundlich -ironisch über meine blassen Lippen, und mein Herz klopft schnell….Die Schwarzglänzende  Nase des zotteligen Ungetüms zuckt etwas – ich rieche wohl zu fremd oder zu lebendig – dann dreht er sich abrupt um und verschwindet wieder.
Nach zwei Stunden kehren wir zurück zum Kloster. Inzwischen sind weitere Gäste eingetroffen, eine Familie aus Lhasa und eine vielköpfige Nomadenfamilie. Mit ihnen zwei in Tücher und Kataks gewickelte Leichen, die sie in die Mitte des Hofes gelegt haben. Sie sollen am nächsten Morgen bestattet werden. Der Abt des Klosters -  ein  safrangelbes Tuch um die Schulter gelegt - betritt den Hof gefolgt von einigen Mönchen, die sich bis zur Nase in ihre dunkelroten Roben eingehüllt haben. Sie legen ihre Sitzmatten u-förmig um die Toten herum, nehmen Platz und beginnen mit der Rezitation eines Gebetes für die Verstorbenen. In diesem Moment schwebt eine weiße Schneewolke auf den Berghang zu und umschließt das Kloster mit einen milchig transparenten Hülle auch dicht fallenden Flocken. Die Tiefstehende goldene Abendsonne scheint gefiltert hindurch und taucht alles in ein überirdisch erscheinendes Licht.
Während der Gebete der Mönche bringen die Familien der Toten Spenden für das Kloster herbei: Gerste, Trockenfleisch und Butter. Nachdem die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist und es noch kälter und dunkel wird, beenden die Mönche ihre Zeremonie. Die Toten werden in zwei große Holzkisten gelegt, die sorgfältig verschlossen werden. Dann bricht die Nacht schnell herein und alle ziehen sich in ihre Unterkünfte zurück, um zu essen und zu schlafen. Ich krieche in meinen Schlafsack und falle in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen berichten mir meine Freundinnen verschämt lachend, dass sie alle gemeinsam nachts auf die Toilette gegangen seien, dabei haben sie an den von einer Kerze beschienenen Kisten vorbei gemusst und ziemliche Angst bekommen, einer der Deckel könne sich bewegen.
Durch das kalte Licht der Morgendämmerung laufen wir keuchend zum Bestattungsplatz; hoffentlich sind wir nicht zu spät. Doch finden wir nur die Nomadenfamilie vor, die "samt Leiche" vor dem verschlossenen Gatter des Maschendrahtzauns wartet. Ein in seine Fell-Chuba gehüllter Angehöriger sitzt im gefrorenen Gras neben dem Leichenbündel, raucht und grinst uns freundlich an.
Im Zwielicht tauchen plötzlich drei dick vermummte Gestalten auf -  es sind Chinesen aus Lhasa, die dasselbe vorhaben wie wir. Sie grüßen freundlich. " Schön, dass unsere chinesischen Freunde solch ein Interesse zeigen!" erwidert der rauchende Nomade auf Chinesisch und zwinkert uns danach verschmitzt zu.
Wir warten eine halbe Stunde in der beißenden Kälte, bis sich schließlich im schnellen Schritt eine zweite Gruppe nähert, einer davon mit der zweiten Leiche auf den Rücken. Es sind die männlichen Angehörigen der Familie aus Lhasa und dahinter die drei Domden.
Nun geht es schnell. Das Gatter wird geöffnet, die Leichen auf der runden mit Kieseln ausgelegten Stelle abgelegt, die jaulenden schwarzen Hunde, die plötzlich wie aus dem nichts aufgetaucht sind, wieder nach draußen gescheucht und der Zaun wieder geschlossen. Als die drei Chinesen und wir vier Frauen ganz am anderen Ende des Areals Platz nehmen wollen, um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, winkt uns einer der Domden nach vorne. Er winkt uns zu unserer Verblüffung so lange heran, bis wir nur noch 5 Meter vom Ort des Geschehens entfernt stehen. Einer der Nomaden entfacht im Räucherofen ein Wacholderfeuer, dann wenden sich die Domden den beiden Leichenbündeln zu.
"Vorsicht", raunt unser tibetischer Fahrer und schlingt den Schal um die Nase, "es könnte riechen – je nachdem wie alt die Leichen sind".
In dem Moment, in dem die Domden damit beginnen, die Toten auszupacken, beginnt die Luft um uns zu vibrieren. Der Himmel über uns ist schwarz vor Geiern. Mit lautem Krächzen und heftigen Flügelschlagen ziehen die sie über uns hinweg und lassen sich im gebührenden Abstand nieder. In wenigen Minuten haben sich ca. 50 dieser riesigen Vögel eingefunden.
Die Toten sind sehr fest und handlich verschnürt gewesen, regelrecht zusammengeklappt, um sie besser transportieren zu können. Jetzt liegen sie – es sind zwei ältere Männer gewesen – bläulich verfärbt ausgestreckt auf dem Boden.
Ich spüre die unterschiedlichsten Gefühle: Einerseits habe ich den tröstlichen Eindruck, dass die toten Körper wirklich leere Hüllen sind, andererseits wächst in meinem Herzen Mitgefühl. Ich kann es kaum erklären, es ist kein rührseliges Mitleid, sondern das Bewusstsein, dass jeder Mensch, auch ich und alle meine Lieben, so enden werden: als blauer, verwesender Fleischsack. Zusätzlich fühle ich zur selben Zeit so etwas wie Ehrfurcht, Ehrfurcht vor dem Gesetz von Werden und Vergehen. Und ich frage mich auch kritisch, wie ich wohl empfinden würde, wenn hier vor mir ein Toter läge, den ich gekannt hätte. Dann denke an eine Zeit zurück, als ich selber todkrank war und eigentlich keine Angst vorm Sterben hatte.
Die Domden drehen die Körper auf den Bauch und ritzen ihnen mit dem Messer ein Zeichen in die gespannte Rückenhaut. Es ist ein Swastika-Motiv, wie ich später erfahre. Dann beginnen sie mit der Arbeit des Lösens von Haut, Eingeweiden und Fleisch von den Knochen, sehr konzentriert und vorsichtig, während sich ihre Hände und Schürzen langsam braunrot färben. Als ich mitbekomme, dass sie leise beten, bin ich zunächst erstaunt. Dann entdecke ich an den roten Roben unter den Schürzen, dass diese Domden Mönche sind, etwas, was mir bisher vollkommen unbekannt gewesen ist. Als ich mich später danach erkundige, erfahre ich, dass gerade diese Mönche ein hohes Ansehen genießen und dass von diesem speziellen Bestattungsort gesagt wird, das Bewusstsein (das ja eigentlich schon im Bardo-Zustand ist) der dort Bestatteten könne niemals mehr in niedrige Bereiche zurückfallen.
Nachdem die Mönche in kurzer Zeit diesen ersten Arbeitsschritt beendet haben, treten sie zurück und die Geier stürzen wie auf ein geheimes Kommando hin auf ihr Mahl. Sie kreischen, fauchen, haken, beißen wie in einem Blutrausch und wollen alles verschlingen, was ihnen vor ihren krummen Schnabel kommt. Gierig zerren  sie von beiden Seiten an den Därmen, reißen sich gegenseitig die Brocken aus dem Schlund und fügen ihren Artgenossen dabei manche böse Verletzung zu.
Dies ist jetzt wirklich ein Anschauungsunterricht in Vergänglichkeit: Die Skelette werden, nachdem die größeren, losgelösten Brocken vertilgt worden sind, von den unersättlichen Aasfressern rabiat hin- und her gezerrt.
Unsere drei Chinesen haben jetzt genug. Etwas blass um die Nase nicken sie uns zum Abschied zu und verlassen schnell den Ort des Geschehens.
Als nach einer Weile die Domden mit Unterstützung der Nomadenfamilie die Geier wieder zurückdrängen, sind nur noch die Schädel und die daran hängenden Wirbelsäulen und einige Knochenreste übrig geblieben. Zunächst werden alle Knochen mit einem stumpfen Hammer zerschlagen und mit Tsampa-Mehl vermischt. Dann wird jeweils einer der männlichen Angehörigen der Toten herbei gerufen, um gemeinsam mit ihm den oberen Teil des jeweiligen Schädels,  insbesondere die Fontanelle, zu begutachten. Ihr Zustand gibt  Auskunft darüber, ob das Bewusstsein den Körper an der optimalen Stelle, nämlich durch das sogenannte Kronencakra, verlassen hat oder auch nicht.
Anschließend werden die beiden Schädel nebeneinander auf den Hackstein gelegt  - wie auf einen Altar so scheint es mir. Einer der Domden bestreut sie mit Tsampa (dessen weiße Farbe für die Tibeter Reinheit symbolisiert), dann faltet er die Hände. Er richtet ein Bittgebet an den Bodhisattva Chenresig, der sich voller Mitgefühl des Bewusstseins der beiden Verstorbenen annehmen solle. Ich bin erstaunt. Handelt es sich hierbei quasi um eine "Powa-Praxis post mortem", um sich auch ganz sicher zu sein, dass das Bewusstsein der Körper verlassen hat, oder spielen hier noch ältere Vorstellungen eine Rolle, die dem Schädel als Sitz der – in dem Fall –Körperseele, besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen?
Dann lässt der Domden seinen schweren Hammer zweimal kurz und mit großer Kraft auf die Schädel niedersausen. Das Tsampa verstäubt dabei in alle Richtungen und bleibt eine Weile wie ein feiner Nebel in der Luft hängen.
Nachdem alle Reste säuberlich zerkleinert und wiederum mit Tsampa vermischt worden sind, werden die Geier – ein Großteil ist schon gesättigt von Dannen gezogen -  noch einmal eingeladen zu fressen. Kreischend hüpfen sie heran.
In dem Moment, als die ersten Sonnenstrahlen über den Bergrücken fallen, ist das Werk der Domden beendet. Sie waschen die Hände, ziehen die Schürze aus, setzen sich hin und beginnen zu…Frühstücken.
Leise flüstert uns unser tibetischer Fahrer ins Ohr, ob wir – bevor wir ins Kloster zurückkehren - mit ihm zusammen den runden Bestattungsplatz dreimal zu umwandeln wollen, das sei sehr segensreich.

Als wir bei den frühstückenden Domden vorbeikommen, lächeln sie uns an. Ich sage zu ihnen im holprigen Tibetisch: "Ihr habt eure Arbeit wirklich gut gemacht." Und das meine ich von ganzem Herzen. Das scheint sie sehr zu freuen und sie laden uns ein, mit ihnen zu essen. Als wir höflich ablehnen (unsere Füße sind Eisklumpen, wir sind erschöpft und das Verlangen nach Essen hält sich sehr in Grenzen), drücken sie uns unversehens ein Stück Trockenkäse in die Hand. Gerührt laufen wir weiter im Kreis, knabbern Gedankenversunken am Käse und merken plötzlich, dass wir, die Geier und die Domden alle gleichzeitig essen. Ist das makaber?

Nein, ich glaube nicht.

Seit diesem Erlebnis sind zwei Monate vergangen. Wenn ich hier in Europa daran zurückdenke, scheint es mir manchmal, obwohl ich jedes Detail noch klar vor Augen habe, so, als habe ich es nur geträumt. Meine "heilige Scheu" habe ich wahrscheinlich verloren, doch gehört die Betrachtung der Luftbestattung zu den eindrücklichsten Erfahrungen meines Lebens. Das ist sicher.

Elke Hessel

aus der Zeitschrift Chökor Nr. 40