Bericht der Indienreise
Wir sind zurückgekehrt von einen erlebnisreichen, anstrengenden und bilderreichen Reise. Es war eine Reise in eine fremde Welt, in der wir - so scheint es mir - dennoch viel von uns selber wieder-entdeckt haben.
Unsere Reise hat uns zu Schneebergen geführt, in trockene zentralindische Landschaften, in dichtbesiedelte Städte und ans Meer.
Die Orte der tantrischen Götter und Göttinnen sind alles andere als romantisch, sie gehören teilweise zu den Hauptpilgerstätten der Inder. Oft ist es bunt schillernd, laut, eng, heiß und voller intensiver Gerüche. Es scheint mir so, als seien alle menschlichen Gefühle, die möglich sind, präsent: Hingabe, Aggression, Andacht, Verehrung, Dumpfheit, Gier, Entsagung und vieles mehr.
Es gibt aber auch die verlassenen, im Verborgenen liegenden uralten - manchmal runden Tempelanlagen -, die am Rande von kleinen Dörfern zu finden sind und deren ursprüngliche Funktion als tantrische Ritualstätten nur noch zu ahnen sind.
Besonders beeindruckend empfand ich den Tempelkomplex von Jwalamukhi ("Flammenmaul") in der Nähe von Dharamsala, wo die Göttin als aus der Erde kommende Flamme verehrt wird, der als einer der 24 heiligen Dakini-Orte des Cakrasamvara-Mandala gilt. Weiterhin den Brajeshwari-Tempels (ein weiterer Dakini-Ort des Cakrasamvara-Mandalas) Möglichkeit zur Teilnahme an den
In Dharamsala hatte einige von uns das große Glück, Unterweisungen Seiner Heiligkeit des Dalai Lama über die Jatakas (Geschichten über frühere Leben des Buddhas) mit Simultanübersetzung ins Englische zu hören und eine Segensermächtigung in die Praxis des Buddha Sakyamuni zu erhalten.
Wir besuchten auch Lobsang Shastri, einen tibetischen Wissenschaftler der Library of Tibetan Works and Archives, der selber über die Dakini Orte der Umgebung geforscht hat.
Über Delhi ging es weiter nach Assam, ins weit im Osten Indiens gelegene Guwahati, ganz nah an der Grenze zu Bhutan und Tibet.
Aufregend war der Besuch des Kamakhya-Tempels vom Guwahati, der identisch ist mit dem mittelalterlichen Ort Kamarupa. Heute der wohl heiligste Göttinnen-Tempel von Indien, tief im Innern der Erde wird hier die Yoni (Vulva) der Göttin in Gestalt einer natürlichen Felsspalte verehrt.
Über Kolkata reisten wir weiter nach Orissa, wo mich der 64-Yogini-Tempel von Hirapur (8 km südöstlich Bhubaneshvar, um 900 n. Chr.) besonders beeindruckte. Der Tempel ist mit 7,80 m Durchmesser der kleinste seiner Art und wie viele andere rund und oben offen, da man glaubte, dass die Yoginis durch die Luft an ihren Kultort geflogen kämen. An der runden Außenmauer befinden sich innen die Skulpturen der 64 Yoginis, die vollkommen lebendig wirkten.
Aber auch der Ausflug zu den spätbuddhistischen Klöstern Ratnagiri und Udaygir, die erst vor einigen Jahren wieder entdeckt worden sind, faszinierte. Diese beiden Klöster waren vor allem tantrischen Ritualen gewidmet und enthalten zahlreiche Skulpturen tantrischer Gottheiten.
Nach einer langen Zugfahrt ins geographische Herz von Indien stand die Besichtigung des runden 64-Yogini-Tempels auf einem Hügel in Bheraghat an. Dieser Tempel ist mit 35,4 m Durchmesser der größte der indischen Yogini-Tempel. Dann ging es weiter nach Ujain zum Kal-Bhairab-Tempels, in dem die Hauptgottheit, ebenfalls eine Form des Shiva, täglich mehrfach eine Opfergabe aus Alkohol erhält, der der Figur in den Mund gegossen wird.
Ganz am Ende der Reise schloss sich der Kreis: Unsere kundige Reiseleiterin Dr. Adelheid Herrmann- Pfandt, die uns mit unendlich viel Sachverstand, Humor und Durchhaltevermögen die ganze Reise über betreut hatte, war ins Tibethaus in Delhi eingeladen worden, um dort einen wissenschaftlichen Vortrag über ihre Forschungen zu den 24 tantrischen Orten zu halten.
Elke Hessel



