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"a real red", Tibet ist bunt!

TibetHaus-Reise nach Tibet 2006

Eine imaginäre Dia-Show

Vessantara

 

Ich habe nie geglaubt, dass ich nach Tibet fahren würde. Ich war mir nicht einmal sicher, dass ich das wollte. Obwohl ich ein tiefes Gefühl für den tibetischen Buddhismus empfinde, wusste ich, dass ein Besuch in Tibet mich mit den Ergebnissen der Tragödie konfrontieren würde, die dem tibetischen Volk im Lauf der letzten fünfzig Jahre widerfahren ist. Dann las ich vor 18 Monaten Elke Hessels Artikel im Chökor, der die Reiseroute der von ihr geplanten TibetHaus-Reise nach Tibet beschrieb. Ich stellte mir vor, wie ich Orten besuchen würde, an denen große Lehrer wie Guru Rinpoche, Atisha und Je Tsongkhapa gelebt, praktiziert und gelehrt hatten. Die Vorstellung bewegte mich, aber ich glaubte immer noch nicht, dass ich fahren würde. Dann begann ich mit Vijayamala, mit der ich lebe, was wir 2007 tun könnten. Wir erwähnten verschiedene Möglichkeiten, und dann sagte sie oder ich: „Oder wir könnten nach Tibet fahren!“

Keiner von uns ist sich wirklich sicher, wie die Tibetreise von einem Witz zu etwas wurde, das wir endgültig taten. Wir beiden scheinen unterwegs irgendwo einen Schritt verpasst zu haben. Ich weiß, dass ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung zu fahren die Tatsache war, dass die Reise von Elke und ihrem Freund Püntsok Tsering geleitet wurde. Elke war entscheidend an den Erfolgen der Dagyab-Projekte beteiligt. Sie hat Tibet zwölf Mal besucht und hat eine große Liebe zum tibetischen Buddhismus und zur tibetischen Kunst. Sie hat Dagyab Rinpoche auch nach sehenswerten Orten befragt. Ich war besonders gespannt darauf, mehr abgelegene Orte zu sehen, an denen eine intensive buddhistische Praxis fortgeführt wird. Püntsok ist ein Künstler, der in Tibet aufwuchs. Wir dachten auch, dass wahrscheinlich andere Chödzongpas, mit denen wir verbunden sind, mit von der Partie sein würden.

So fanden wir uns Anfang September auf dem Flughafen Kathmandu wieder und bestiegen das Flugzeug. Das war der Beginn eines siebzehntägigen Aufenthalts in Tibet. Im Englischen gibt es das Sprichwort: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, also lasst mich euch einige meiner Photos zeigen. Da ich in Cambridge bin und ihr sonstwo, werdet ihr etwas Phantasie brauchen…

Hier ist das erste Photo. Es wurde vom Flugzeug aus auf dem Weg nach Lhasa aufgenommen.                                                                                

 Ich hatte mir vorgestellt, wir würden in einem kleinen Flugzeug fliegen, das beim Flug über den Himalaja durchgerüttelt würde. (Ich habe eine lebhafte Phantasie, die mir viel Ärger bereiten kann...). Aber wie ihr an dem Flügel des Flugzeugs auf dem Bild sehen könnt, saßen wir tatsächlich dank Air China in einer großen 747. Und diese kargen, sandfarbenen Berge unter uns sind mein erster Blick auf Tibet, da es ziemlich bewölkt war, als wir über die Gipfel flogen.

Das hier ist unsere Tibethaus-Reisegruppe am Flughafen von Lhasa. Die mit den dunklen Haaren ist Elke, und das ist Püntsok. Der große, vornehm aussehende Herr? Das ist Professor Klaus Jork, der Vorsitzende des Tibethauses. Und die Frau mit den langen Haaren neben ihm ist seine Tochter Kirstin, die über den Himalaya-Mohn geforscht hat. Einige von euch werden diesen Mann wieder erkennen, auch ohne seinen großen Bart – es ist Mario, der sich sehr im Tibethaus engagiert und einige Zeit als buddhistischer Mönch verbracht hat. Die Frau mit Brille neben ihm ist Geri, die gut Chinesisch spricht, was nützlich war. Und das ist Ute, die wie wie Klaus Ärztin (und Homöopathin) ist. Wir waren also in guten Händen, falls medizinisch etwas schief laufen sollte. Dann waren da noch Eva, Gertrud, Bernhardt und Ingrid (die zuvor schon auf Trekking-Tour in West-Tibet gewesen war). Der andere Tibeter ist Pema, der Führer, den uns das tibetische Reisebüro gestellt hatte. Da wir mit Elke und Püntsok zusammen waren, brauchten wir eigentlich keinen Führer, aber man muss mit einem Gruppenvisum reisen und die Chinesen behalten gern den Überblick über die Reiseziele ihrer Touristen.

Das bin ich, in einem großen Raum im Erdgeschoss eines Tempels vor einem Lehr-Thron.                                                                                               

Wir waren kaum zwei Stunden in Tibet, und schon bin ich den Tränen nahe. Lhasa Airport ist wie Frankfurt-Hahn, weit außerhalb der Stadt. Nachdem wir das effiziente chinesische Einwanderungsverfahren hinter uns gebracht hatten und von Püntsok mit einem Minibus abgeholt worden waren, fuhren wir zu unserem Hotel in der Stadt. Aber wir hielten unterwegs, um ein paar Tempel anzusehen. (Dies gab den Ton unserer gesamten Reise an – tagelange Besichtigungen einer buddhistischen Stätte nach der anderen, wogegen ich nichts habe). Der zweite, den wir besichtigten, hieß Drölma Lhakhang, Tara-Tempel. Auf dem Photo denke ich über die Tatsache nach, dass der große indische Pandit Atisha in diesem Raum gelehrt hatte. Atisha kam bekanntermaßen 1042 nach Tibet, trotz der Vorhersage, dass er damit seine Lebensspanne verkürzen würde. Er hatte eine tief greifende Auswirkung auf den tibetischen Buddhismus. Vor allem anderen war er für die Einführung des Lamrim verantwortlich, des Stufenwegs, der den Gesamtweg zur Erleuchtung darlegt, was ein zentraler Aspekt des tibetischen Buddhismus ist.

Atisha war ein großer Tara-Verehrer, der weiblichen Verkörperung des großen Mitgefühls. In dem Raum zu meiner Linken steht eine schöne Gruppe der 21 Taras. Im Stock über mir ist ein Raum, wo im 20. Jahrhundert der große Lehrer Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö einige Zeit in Meditation verbrachte. Nachdem ich über 30 Jahre von ihnen gehört hatte und ihr Werk studiert hatte, bin ich sehr bewegt, an den Orten selbst zu stehen, wo diese großen Lehrer lebten und praktizierten.

Dies, wie ihr sicherlich erkennt, ist der Potala-Palast, wo die Dalai Lamas gewöhnlich lebten.                                                                       

   Ein sehr eindrucksvoller Bau, aber heutzutage ist er im Grunde nur ein Ort für Touristen. Man muss sich voranmelden, um ihn zu besichtigen und man hat nur eine Stunde Zeit. Man klettert mühsam die massive Treppe empor, während sich das moderne Lhasa zu unseren Füßen ausbreitet. Dann arbeitet man sich wieder nach unten durch ein Labyrinth von Gängen auf vier Stockwerken. Es ist sehr interessant die Räume zu sehen, in denen die Dalai Lamas lebten, meditierten und Besucher empfingen, aber es fühlt sich mehr wie ein Museum als wie ein Ort buddhistischer Praxis an. Gelegentlich stößt man in einem der Zimmer auf einen Mönch, der Gebete rezitiert, aber auf mich wirkten sie mehr wie Museumswächter als wie Praktizierende.

Dank der Beziehungen Püntsoks gelangten wir dann schließlich doch über geheime Türen und Treppen in den „Bauch“ des Potala, wo massive Stupas stehen – die Reliquienschreine der einzelnen Dalai Lamas. Der größte von allen ist der des Großen Fünften, der im 17. Jahrhundert den Potala erbaute (tatsächlich war er nicht ganz fertig, als er starb. Und sein Hauptratgeber Desi Sangye Gyatso hielt seinen Tod mehrere Jahre lang geheim, indem er vorgab, der Dalai Lama sei in Retreat, bis das Projekt vollendet war). Dieser Stupa ist ein massiver, von Gold und Juwelen bedeckter Bau, dessen Spitze sich weit in die Dunkelheit der oberen Etage über unsern Kopf erhebt. Er ist ein großes Verehrungsobjekt. Doch wegen der mangelnden Verehrung, die ihm erwiesen wird, fühlt er sich an wie ein Symbol all dessen, das vergangen ist, all dessen, das im tibetischen Buddhismus seit 1959 verloren gegangen ist. Aus dem Halbdunkel des Potala trat ich schweren Herzens heraus in das helle Mittagslicht. Dieses Gefühl wurde noch verstärkt von einem Schild am Ausgang, das auf die Einhaltung der Brandschutzvorschriften hinwies, damit die „historischen Relikte“ erhalten blieben.

Wenn die übrige Reise wie das gewesen wäre, wäre ich deprimiert von der Tragödie Tibets nach Hause gekommen. Mit der Abwesenheit jeglicher lebendigen Praxis und all den Stupas der verstorbenen Dalai Lamas fühlte sich der Potala für mich schlimmer als ein Museum an. Er fühlte sich an wie ein Mausoleum, ein Ort, an dem der von der chinesischen Invasion zerstörte Leichnam des tibetischen Buddhismus begraben worden war.

Zum Glück war der Potala jedoch die Ausnahme. Bevor ich ihn an meinem vierten Tag in Tibet besuchte, war ich bereits im Jokhang gewesen, dem Haupttempel von Lhasa. Man muss nur früh am Morgen den Jokhang besuchen, um den unwiderlegbaren Beweis zu haben, dass der Buddhismus auf wunderbare Weise und trotz allem in Tibet noch sehr lebendig ist.

Das ist außerhalb des Jokhang (drinnen darf man keine Bilder machen).    Wie man sieht, werfen sich dort Leute nieder und machen Mandala-Opfer, während die Touristen ihre Bilder machen. Diese beiden Welten koexistieren unbehaglich aber friedlich, außerhalb und innerhalb des Tempels.

Ich war zu Tränen gerührt, als ich den Jokhang zum ersten Mal betrat. An diesem geheiligten Ort, der im 7. Jahrhundert begründet wurde, hatte ich ein tiefes Gefühl des Nachhausekommens. Ich dachte nicht „Oh, ich muss in einem früheren Leben Tibeter gewesen sein“. Vessantara bedeutet “inneres Universum” und von allen Orten, an denen ich mit meinen 56 Jahren gewesen bin, ist der Jokhang der eine, der meiner inneren Welt den vollsten äußeren Ausdruck verleiht.

Ich war tief bewegt vom Jowo, der alten und verehrten Statue von Shakyamuni, die im Herzen des Jokhang-Mandala sitzt und alle segnet, die zu ihr kommen.

Ich war ergriffen von der Überfülle der anderen Bilder in den Seitenkapellen, die sich um die beiden unteren Stockwerke des Gebäudes ziehen. Alle Gestalten, die ich im tibetischen Buddhismus als Ausdruck der erleuchteten Qualitäten kennen und lieben gelernt hatte, waren dort. Liebe, Mitgefühl, Weisheit, Frieden, Energie und Freiheit, alle verkörpert in Hunderten von Figuren, in Statuen und Fresken. Hier war die große tausendarmige Form von Avalokiteshvara, der die Arme in Mitgefühl für alle Lebewesen ausstreckt. Hier waren die acht spirituell mächtigen Formen Padmasambhavas. Hier war ein Bild von Je Tsongkhapa, das er als genaues Abbild seiner selbst gepriesen hatte. Hier war ein starr blickendes Bild von Pälden Lhamo, der Dharma-Schützerin. Und immer mehr Bilder, je weiter wir den tibetischen Gläubigen von einem schwach beleuchteten Raum in den nächsten folgten.

Die intensive Hingabe der Tibeter zu beobachten, war auch sehr ergreifend. Ihr offenherziger Glaube und ihre Hingabe waren umso eindrucksvoller, wenn man die schrecklichen Hindernisse bedenkt, die ihnen in den vergangenen Jahrzehnten in den Weg gelegt wurden. Aber man kann in einer oder zwei Generationen nicht den Schwung anhalten, der durch fast 1500 Jahre aufrichtiger Dharma-Praxis geschaffen wurde. Noch geht er weiter, Tag für Tag. Ich sah Pilger mit Metallbelägen an den Händen ankommen, die sich die ganze Straße von anderen Teilen Tibets nach Lhasa niedergeworfen hatten. Sie schienen überwältigt davon, an ihrem Ziel angelangt zu sein, in der Gegenwart des Jowo zu sein. Die Tibeter glauben, dass aufrichtige Wünsche, die man vor dem Jowo macht, in Erfüllung gehen (möge es so sein, und mögen meine Wünsche für Dagyab Rinpoches gute Gesundheit, langes Leben und den Erfolg des TibetHauses und all seiner Dharma-Aktivitäten in Erfüllung gehen!).

Die Atmosphäre vermittelte mir eine Vorstellung davon, wie es im Mittelalter in einer europäischen Kathedrale gewesen sein muss. Aber irgendwie schien der Jowo zeitlos, der Archetyp aller heiligen Orte. Seine alten Steintreppen waren schlüpfrig von der Butter endloser Opfergaben; seine großen Holzpfeiler schienen in der Erde Wurzeln geschlagen zu haben. Und für mich waren die tiefen, rhythmischen Trommeln aus den Schützerkapellen der Klang des noch immer schlagenden Herzen des tibetischen Buddhismus.

Dieses Bild wurde auf der Toilette des Jokhang aufgenommen.              Was ist das über dem Waschbecken? Nun, es sind zwei westliche „Thangkas“, die irgendwie in diesen heiligen Ort eingedrungen sind. Rechts ein Post von Real Madrid FC und links David Beckham, der englische Fußballspieler. Heute verbindet der Fußball die Welt und jemand hat diese „westlichen Ikonen“ in das Mandala des Jokhang eingefügt. Aber sie sind nur auf der Toilette, und nachdem er während der Kulturrevolution als Schweinestall verwendet wurde, müssen ein paar Fußballer im Waschraum für den Jokhang eine eher geringfügige Schmach bedeuten.

Dieser gewundene Pfad mit den allumfassenden Gebetsfahnen ist der Lingkor – der äußere Pilgerweg rund um Lhasa.                              

Morgens wie abends sieht man hier viele Einheimische, die spazieren gehen, Mantras rezitieren und Gebetsmühlen drehen. Aber auf dem Lingkor zu gehen, heißt, sich dessen bewusst zu werden, was in den letzten Jahren mit Lhasa geschehen ist. Immer wieder verschlägt es einen von dem alten tibetischen Weg in das moderne China mit seinen breiten Straßen und seinem Verkehr. Eine Weile geht man vorbei an geschäftigen Läden und geht dann eine Allee hinunter auf den nächsten Abschnitt des unzerstörten Pilgerwegs. Weiter unten findet man sich auf einmal wieder zurück im modernen China. 1959, als der Dalai Lama (und Dagyab Rinpoche mit ihm) aus Tibet flohen, war Lhasa eine kleine Stadt mit vielleicht 35.000 bis 40.000 Einwohnern. Heute steuert es auf eine Viertelmillion zu. Es ist ein Ort der Baukräne und des Zements, eine moderne chinesische Großstadt mit einem alten tibetischen Viertel.

Die chinesische Ansiedlungspolitik in der “tibetischen autonomen Region” scheint ein weit wirksamerer Weg gewesen zu sein, die verbleibenden Hoffnungen auf eine tibetische Unabhängigkeit zu ersticken als Unterdrückung und Folter. Der Zustrom von Han-Chinesen nach Lhasa und anderen größeren Städten in Tibet ist so groß, dass er unwiderruflich scheint, ein Tsunami von Immigranten, der die einheimische Bevölkerung zu überschwemmen droht. Irgendwie fand ich, es machte es leichter, die Tragödie der verlorenen Unabhängigkeit Tibets leichter zu akzeptieren. Es gibt so offensichtlich keinen Weg zurück.

Ich musste ein Bild von einem Yak einfügen.                                         

Wir gingen an ihnen an einem Hang vorüber, als wir zum Phabongkha-Tempel außerhalb von Lhasa gingen. Ich habe Yaks sehr lieb gewonnen. Ich sah ihnen ebenso gerne zu, wie die Tibeter in unserer Gruppe sie gerne aßen. Natürlich servierten alle tibetischen Restaurants Yak. Einige Läden, die Touristen versorgen, verkauften Yak-Burger und eine Speisekarte bot gar Yak Bourguignon an. Ich bleibe lieber Vegetarier …

Das bin ich, wie ich quälend langsam zu einem Ort des Todes bergauf laufe, während der Abend hereinbricht.

Nachdem wir einige Tage in Tibet gewesen waren, machten wir unsere erste Exkursion mit Übernachtung außerhalb von Lhasa. Wir fuhren nach Drigung, dem Hauptkloster der Drigung-Kagyü-Unterschule des tibetischen Buddhismus. Drigung ist berühmt für seine Himmelsbestattungen, ein Ort, an dem Leichen zerstückelt und an Geier verfüttert werden. Wir hatten uns in Lhasa aufgehalten, das für tibetische Verhältnisse recht niedrig liegt – nur 3600 Meter – und bevor wir groß akklimatisiert waren, stiegen wir weiter hinauf. Das Kloster selbst liegt auf rund 4000 Meter Höhe, hoch oben an der Seite eines sensationellen Hochtals. Die Himmelbestattungsstelle liegt noch einmal 30 Minuten Fußweg oberhalb auf dem Berg.

Auf diesem Bild ist die übrige Reisegruppe vorausgegangen, aber aus irgendeinem Grund hat die Höhe mich wirklich erwischt. Wie man auf die Höhe reagiert, ist keine Frage der Fitness. Ich bin in den letzten Jahren halbe Marathonläufe gelaufen, aber jetzt schaffe ich es nur mit Mantrasingen, diesen Hang hinauf zu laufen. Vijayamala kommt zurück um zu sehen, ob es mir gut geht. Ich witzele, dass das alles sehr passend sei. Sie könne mich gleich bei den Geiern lassen, wenn ich an der Himmelsbestattungsstätte zusammenbreche. Schließlich scheinen nicht einmal mehr Mantras zu helfen. Stattdessen versuche ich, mich selbst als einen Lastwagen mit einem großen Dieselmotor vorzustellen. Als wir schließlich mühsam oben ankommen, hat die Stätte der Himmelsbestattungen eine Art wilder Schönheit und eine starke Atmosphäre, aber ich bin zu müde, sie aufzunehmen.

Später in der Nacht übergebe ich mich im Schlafraum des Klostergasthauses in einen Eimer. Die Alternative wäre, ins Badezimmer zu gehen. Aber das liegt drei Treppen weiter unten, und dann müsste man über den Hof, im Schnee. Und die Toiletten dort sind Löcher im Boden... Allerdings war das außergewöhnlich. Mit unserem westlichen Geld und unserer Gruppen-Buchungsmacht neigten wir dazu, in guten Hotels zu übernachten, in besseren, als ich es in Europa gewöhnt bin.

Ah, das war für mich einer der Höhepunkte der ganzen Reise. Dies ist ein Bild des oberen Lhakhang in Ratsa Ritrö, einem kleinen Tempel außerhalb von Lhasa.

Wie man sieht, ging ich gerade mit Elke, Mario und Vijayamala. Unsere Reisegruppe bestand aus Leuten mit unterschiedlichen Interessen, also gingen wir manchmal unsere eigenen Wege. Pema, unser Führer, und seine Bosse schienen das eher entspannt zu sehen, und Elke und Püntsok waren sehr geduldig und entgegenkommend!

Ratsa Ritrö ist ein Tempel, in dem die Praxis von Vajrayogini, einem Buddha in Dakini-Gestalt, betont wird. Dort gibt es mehrere Bilder von Naro Khachö, der Form von Vajrayogini, die in der Gelug- und Sakya-Schule mit im Mittelpunkt steht. In der Mitte des Raumes gibt es ein Mandala mit Opfergaben an Vajrayogini. Die Mönche erlaubten uns, dort zu meditieren und erzählten anderen Besuchern sogar, dass der Lhakhang geschlossen sei, so dass wir dort ungestört sein konnten. Ich hatte den Wunsch gehabt, auf der Reise weniger bekannte Orte besuchen, an denen noch eine starke Praxis ausgeübt wird, und Ratsa Ritrö ist ein ausgezeichnetes Beispiel. Tatsächlich hatte ich, als ich wegging, das Gefühl, der ganze Lhakhang sei in ein sanftes rotes Lot getaucht. Das war er nicht, dort standen nur die üblichen Butterlampen und nackten Glühbirnen, also war meine Erinnerung vermutlich von der starken meditativen Atmosphäre beeinflusst, die von all der Vajrayogini-Praxis erzeugt wurde, die dort stattgefunden hatte.

Ja, das hier ist etwas langweilig. Es ist ein Teil der neuen Eisenbahnstrecke, die die Chinesen von der Provinz Qinghai auf das tibetische Hochplateau und nach Lhasa gebaut haben.                         

Der Bau hat rund 3.45 Milliarden Euros gekostet. Ein Wunder der Ingenieurskunst, aber mit der beschleunigten Zunahme der globalen Erwärmung wird es ein Alptraum sein, sie instand zu halten, da der Permafrostboden, auf dem sie weitgehend errichtet wurde, zu tauen beginnt. Nach der Eröffnung im Juli 2006 hat sie in den ersten beiden Betriebsmonaten 450.000 Passagiere befördert, viele von ihnen Touristen. Allerdings ist es keine leichte Reise. Die Route steigt bis auf eine Höhe von 5072 Metern. In der ersten Klasse hat man Sauerstoffmasken im Sitz. In der dritten Klasse sitzt ein Mann mit einer Sauerstoffmaske, der auf Anzeichen achtet, wenn man dabei ist, in Ohnmacht zu fallen!

Der starke Zustrom von Touristen verändert das Gesicht Tibets rapide. Ich schätze, dass Lhasa in weiteren fünf Jahren nur noch ein weiteres Touristenziel wie Kathmandu sein wird. Schon zeigen sich Warnzeichen, was es werden könnte. Eines Tages gingen wir zum Jokhang, um dem Jowo Opfergaben zu bringen. Die Mönchsbeamten wiesen uns ab und sagten, dies sei nicht für Touristen. Wir erklärten, dass wir Buddhisten seien, aber sie versperrten uns immer noch den Weg. Endlich überzeugten sie die magischen Worte „Dagyab Rinpoche“ nachzugeben.

An großen heiligen Stätten gibt es zunehmend gesonderte Zeiten für die Andacht der Einheimischen und für die chinesischen und westlichen Touristen. Wenn man ein westlicher Pilger ist, wird man wahrscheinlich mit den Touristen in einen Topf geworfen. Das ist traurig, denn einige besondere Tempel werden für Tibeter geöffnet sein und während der Touristenzeiten geschlossen sein. Dabei liegt einer der spirituellen Vorteile dieser Orte darin, die unglaubliche Hingabe der Einheimischen zu beobachten. Selbst der Jokhang ist nicht wirklich er selbst ohne die Schlangen von rempelnden Einheimischen und Pilgern, die sich niederwerfen, ihre Gebetsmühlen drehen, Mantras rezitieren und Opfergaben darbringen. Die Atmosphäre ändert sich, wenn man rund um den Tempel von einer Horde chinesischer Touristen begleitet wird, die von einer kleinen Frau mit einem Fähnchen geführt wird, das sie emporstößt, während sie mit einer Fistelstimme ihren Kommentar herunter rattert. Ich schaudere bei dem Gedanken, was sie ihren Schützlingen wohl über Buddhismus erzählt.

Eines Tages war ich im Jokhang und meditierte ruhig vor mich hin. Ein nepalesischer Führer mit einer kleinen Gruppe von Westlern kam vorbei und stand neben mir. Er deutete auf die große Statue von Guru Rinpoche und Maitreya, dem zukünftigen Buddha, die den Haupttempelraum rechts und links vom Jowo-Altar beherrschen.  „Der da“, verkündete er, nach links zeigend, „ist Songtsen Gampo, der frühe buddhistische König von Tibet”. Dann, lässig nach rechts weisend: „Und das ist Dipankara, der Buddha der Vergangenheit.” Wenn die Leute nicht einmal grundlegende Zuweisungen hinbekommen, welchen Eindruck können sie dann vom Buddhismus als einem spirituellen Weg zur Freiheit vermitteln? Es ist eine Schande, da, obwohl Tibet eine spektakuläre Landschaft bietet, viele Chinesen und westliche Touristen eindeutig durch ein Gefühl von Magie und Mystik zu ihrer Reise veranlasst werden. Während es nicht das ist, worum es im Buddhismus wirklich geht, kann dieses Gefühl, dass es im Leben mehr gibt als Materialismus, dass der Geist die Kraft hat, wunderbare Transformationen hervorzubringen, wenn es genährt und mit verlässlicher Information versorgt wird, sich in eine spirituelle Suche umwandeln, eine Erkundung der Wunder und Geheimnisse des Geistes.

Dies hier wurde auf einer Busreise nach Samye, dem ältesten buddhistischen Kloster in Tibet, gemacht.                                               

Wir haben gerade den Brahmaputra (oder Tsangpo auf Tibetisch) mit der Fähre überquert. Man kann die fünf weißen Chörten auf den Felsen oberhalb der Straße zu unserer Linken sehen. Sie markieren den Ort, wo Guru Rinpoche, Padmasambhava, zuerst den König von Tibet traf. Im Namthar, der Lebensbeschreibung von Guru Rinpoche, ist dies ein sehr dramatischer Moment. Der König meint, dass der neu aus Indien eingetroffene Guru sich vor ihm verbeugen müsste. Padmasambhava hält das für unangemessen, sich vor einem rein weltlichen Herrscher zu verneigen, da er ein Dharma-König ist. Also weigert er sich und es entsteht eine Pattsituation. Dann singt Padmasambhava ein Lied, das seine spirituelle Linie und die Qualitäten seines Erwachens verkündet. Am Ende erzeugt er Flammen, die aus seiner Hand schlagen. Ehrfurchtsvoll werfen sich der König und alle seine Höflinge vor ihm nieder, „als wären sie von einer Sense dahingemäht worden“ (es gibt fünf Chörten, weil Padmasambhava angeblich aus jedem seiner Finger Flammen kommen ließ).

Ich fand, dass es eine starke Wirkung auf mich hatte, an Orten zu sein, wo Ereignisse, über die ich in buddhistischen Texten gelesen hatte, als wirklich geschehen geglaubt wurden. Das Ereignis mit Guru Rinpoche, das ich für einen Mythos gehalten hatte, fühlte sich auf einmal mehr wie ein historisches Ereignis an, wenn man diese Chörten sah. Allgemein war einer der Vorteile der Reise, dass ich nun die Lektüre von Texten von Atisha, Je Tsongkhapa oder anderen großen Lehrern des tibetischen Buddhismus nun einen noch stärkeren Eindruck auf mich macht. Der menschliche und historische Hintergrund dieser Texte hat mehr Gewicht, weil ich mir nun die Orte bildlich vorstellen kann, an denen die Belehrungen gegeben wurden. Irgendwie trägt das dazu bei, dass der Dharma-Inhalt mit mehr berührt.

Das ist Samye selbst, der Haupttempel mit seinem vergoldeten Dach, das im frühen Morgenlicht leuchtet.                                                     

Samye ist ein von einer Mauer umzogener Komplex von Tempeln und Stupas, die in Form eines Mandalaopfers angeordnet sind. Vieles wurde während der Kulturrevolution zerstört und wurde hauptsächlich durch die Anstrengungen des verstorbenen Dilgo Khyentse Rinpoche wieder aufgebaut. Es ist ein sehr geschichtsträchtiger Ort. Außerhalb des Haupttempels steht eine Säule mit der Proklamation von König Trisong Deten (8. Jahrhundert), dass von nun an der Buddhismus die Staatsreligion Tibets sein werde. Wir besuchten den Tempel, wo die „Sieben geprüften Männer” – die ersten sieben einheimischen Mönche – von dem indischen Abt Shantarakshita ordiniert wurden. In Samye fand auch vor dem König die Debatte statt, die darüber entschied, dass Tibet der indischen Form des Mahayana-Buddhismus folgen würde anstatt dem chinesischen Ch’an. Ich wäre gerne länger hier geblieben, aber wir hörten, dass die Route, die wir zu unserem nächsten Ziel nehmen wollten, blockiert war, daher mussten wir früh abreisen. Wenn ihr eine Reise nach Tibet plant, müsst ihr mit einkalkulieren, dass die Reise immer ziemlich unsicher ist.

Das ist unsere Gruppe, wie sie gemeinsam im kleinen Raum in der Bumpa, der Spitze des Gyantse Kumbum meditiert.                         Gyantse ist eine Stadt im Südwesten Tibets. Sie ist berühmt für den Kumbum, eine Art mehrstöckiges Mandala. Wenn man sich durch die verschiedenen Ebenen nach oben arbeitet, findet man Wandgemälde und Statuen, die mit den verschiedenen Ebenen des Tantra verbunden sind. Folglich haben die unteren Stockwerke hauptsächlich friedvolle Figuren, weiter oben sind dann die zornvolleren Formen. Auf den höchsten Ebenen sind Höchstes-Yoga-Tantra-Bilder von Figuren in Yab-Yum– sexueller Vereinigung, die einen Geisteszustand bedeuten, in dem Weisheit und Mitgefühl, Segen und Leerheit, vereint sind. Direkt an der Spitze ist dieser kleine Raum, der nur zwei Statuen von Vajradhara enthalten, der Form, in der Buddha Shakyamuni die Tantras gelehrt haben soll. Schüler von Dagyab Rinpoche zu sein, gewährte uns wieder einmal Zugang zu den oberen Stockwerken, während andere zurückgewiesen wurden. Wir verbrachten dort eine kurze Meditationszeit. Im Allgemeinen war unsere Reise nicht sehr meditativ, da wir ein volles Programm hatten. Dennoch fand ich, dass der Anblick so vieler buddhistischer Bilder, manchmal von hunderten an einem Tag, eine sehr gute Wirkung auf meinen Geist hatte.

Die Wandmalereien und Statuen im Gyantse Kumbum sind besonders erlesen. Während der Kulturrevolution wurden sie vom damaligen chinesischen Premierminister Tschu-Enlai bewahrt, der den Roten Garden befahl, den Kumbum nicht anzurühren. Natürlich wurde in Tibet und natürlich in China selbst viel zerstört, in diesem schrecklichen Anfall von Dogmatismus und Verwüstung, der China in der Mitte der 1960er Jahre überschwemmte. Ich hatte einen Führer bei mir, der in den 80er Jahren von dem englischen Buddhisten Stephen Batchelor geschrieben wurde. Er zeigte viele Photos von Klöstern und Tempeln, die zu Stein- und Trümmerhaufen reduziert worden waren. Ein anderer Faktor in mir fragte sich, ob nach Tibet gehen und mich mit all diesem Leiden konfrontieren wollte. Aber tatsächlich sah ich sehr wenige Ruinen. Viele wertvolle und heilige Gegenstände wurden zerstört und können nicht wieder zurückgebracht werden. Aber die Kulturrevolution ist jetzt über vierzig Jahre her. Viel wurde wieder aufgebaut, neue Bilder wurden gemalt und gemeißelt. Etwas Geld kam zu diesem Zweck aus China und viel wurde von Exil-Lamas im Westen gesammelt, um ihre Heimattempel und – klöster in Tibet wieder aufzubauen. Es gibt noch mehr zu tun. Unweit Lhasa besichtigten wir das Kloster Drepung, das einst das größte Kloster der Welt war, eine kleine Stadt für sich. Ein Teil ist renoviert worden, aber große Flächen sind noch abgesperrt. Aber im Allgemeinen hatte ich das Gefühl, Zeichen der Erneuerung zu sehen und ich verspürte etwas Hoffnung für die Zukunft.

Das ist Kloster Tashilunpo in Shigatse, westlich von Lhasa.                     

Diese jungen Mönchstänzer proben gerade in ihren gewöhnlichen Roben die Bewegungen, die sie am nächsten Tag bei den Maskentänzen ausführen werden.                                      

Tashilunpo ist der Sitz des Pänchen Lama. Es ist ein sehr großer Ort mit vergoldeten Dächern. Eine große Menge sah dort den Tanzproben zu. Ich hatte den Eindruck, dass die Religion im Moment offen praktiziert werden kann, vorausgesetzt dass sie nicht mit politischen Fragen verbunden ist, Fragen der tibetischen Unabhängigkeit oder der Treue zum Dalai Lama. Die chinesischen Behörden betrachten Seine Heiligkeit als einen „Feind des Mutterlandes“. Während viele Tempel Bilder des vorigen Pänchen Lama hatten, sah ich in der ganzen Zeit, die wir in Tibet verbrachten, nur ein Bild des Dalai Lama.

Es schien eine Menge junger Mönche und Nonnen an den Orten zu geben, die wir aufsuchten. Sie erhalten etwas „politische Erziehung“ von der Regierung, aber sie sind in der Lage, offen Gebete zu rezitieren und Pujas durchzuführen (während wir ein Kloster am Lingkor besuchten, stießen Vijayamala und ich auf eine Gruppe von Mönchen, die eine Feuerpuja für tantrische Gottheit Chakrasamvara ausführten. Sie trugen alle den traditionellen Kopfschmuck und die Brokate). Eine wichtige Frage ist die Qualität der Unterweisungen, die erhältlich ist. Eine ganze Generation von Lehrern wurde entweder ins Exil getrieben oder verfolgt und dies wirkt immer noch nach.

Dies ist einer der verschneiten Pässe, über die wir fuhren.                   

Wir fuhren auf der “Freiheits-Autobahn” von Shigatse über die Berge hinunter zur nepalesischen Grenze bei Zhangmu. Das dauerte zwei Tage. Wenn das Wetter schön ist, ist es eine der schönsten Strecken auf Erden, mit einem wunderbaren Blick auf den Everest. Als wir reisten, gab es eine Menge Schnee, wie es ihn gewöhnlich drei Monate später im Jahr gibt. Es war immer noch atemberaubend, als wir bei der Überquerung des Thang-La-Passes auf 5200 Meter stiegen – 400 Meter höher als der Mont Blanc. Dann ging es wieder endlos bergab, der längste Abstieg der Welt, auf holprigen gewundenen Straßen, als ginge man eine Wendeltreppe vom Dach der Welt hinunter. Unterhalb der Schneegrenze gab es eine grüne Alpenlandschaft mit Wasserfällen allerorten, was nach der kargen Erhabenheit fast ganz Tibets unwirklich erschien.

Das ist einer aus unserer Gruppe, der im Minibus sitzt, der nirgendwohin fährt.                                                                                           

Wir sehen alle ein bisschen angespannt aus, oder?                                                                                               

Wir sind von den Maoisten gestoppt worden, die in Nepal einen Großteil des Landes kontrollieren. Sie fordern Geld, bevor sie uns erlauben wollen, weiter nach Kathmandu zu fahren. Elke erzählt ihnen, dass wir gerade aus Tibet kommen und keine Chance hatten, unser Geld in nepalesische Währung umzutauschen. Aus irgendeinem Grund kommen sie nicht auf die nahe liegende Antwort: „Okay, dann nehmen wir eben eure Euros, Dollars oder was ihr sonst habt.“ Noch immer herrscht ein Patt. Sie wollen uns nicht weiterlassen, wir wollen nicht bezahlen. Nach einer Stunde schließlich beschließen sie, dass die Geiselnahme einer Busladung Westler mehr Ärger macht als es wert ist. Sie entscheiden sich dafür, uns gehen zu lassen und versuchen ihr Glück bei der nächsten Ausländergruppe, die vorbeikommt (zum Glück verbessert sich die politische Situation in ganz Nepal und der Waffenstillstand zwischen den Monarchisten und den Maoisten hält).

Hier sitzen Vijayamala und ich in einem Taxi an einer Verkehrskreuzung in der Nähe des Königspalasts im Stadtzentrum von Kathmandu.         

Wir fahren zurück ins Hotel, wo wir uns zum Abendessen verabredet haben. Doch wie man sehen kann, ist der Verkehr völlig zum Stillstand gekommen.         Dieses Verkehrschaos scheint hauptsächlich durch einen Mann verursacht worden zu sein, einen besonders unfähigen Verkehrspolizisten. Vielleicht funktioniert sein Gehirn nicht besonders gut, weil es mit Kohlendioxid und Partikeln durchtränkt ist, die von hunderten von Fahrzeugen ausgestoßen werden, die rundum ungeduldig den Motor aufheulen lassen. Er ignoriert unseren Verkehrsstrom für über fünf Minuten vollständig. Endlich winkt er gebieterisch in unsere Richtung. Unsere Wand aus Fahrzeugen schießt vorwärts und versucht, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Wir sind eine kunterbunte Mischung aus Autos, Taxis, Bussen, Motorrädern, Motor-Rikschas und Fahrrädern. Dann sehe ich zu meinem Erstaunen einen Mann mitten zwischen den Rädern des vorwärts schießenden Verkehrs die Straße überqueren. Er hat keine Beine. Da er ganz unten am Boden ist, ist er in dem Verkehrsgewühl fast nicht auszumachen. Hartnäckig bewegt er sich vorwärts, schwingt seinen Rumpf auf den Armen voran, ohne jemals auf die entgegenkommenden Reifen und Stoßstangen zu schauen. Wundersamerweise überlebt er die Überquerung von fünf Autoschlangen.

Das ist der Flugschalter, zurück  am Flughafen von Kathmandu. Vijayamala sieht etwas schockiert aus, oder? Gerade wurde uns gesagt, dass unsere Flugscheine für den Flug galten, der am Tag zuvor abflog. Um das Ganze noch schlimmer zu machen, sehe ich, während ich heimlich auf die Wage schaue,  dass unser Gepäck 25 Kilo über dem zulässigen Höchstgewicht liegt.

Zum Glück habe ich hier nicht den Raum, um das Durcheinander (das allein unsere Schuld ist) zu erklären, das uns dazu brachte, einen Tag nach dem Abflugtermin einzutreffen. Das Übergewicht ist leicht erklärt: 2 traditionelle Meditationstische, vier buddhistische Bilder und verschiedene Geschenke für die Lieben daheim. Das könnte alles sehr teuer werden… Aber nein, der Angestellte der Airline findet lächelnd zwei leere Plätze zurück nach London für uns und sagt kein Wort über unser Gepäck, obwohl der Träger das Gesicht verzieht, als er es von der Wage zieht.

Irgendwie fühlt es sich völlig natürlich an, dass alles gut geht. Am Ende des Tages fühle ich mich gesegnet. Für uns war das nicht einfach eine Reise nach Tibet, es war eine Wallfahrt. Wir haben uns vielleicht nicht auf dem ganzen Weg zum Jokhang niedergeworfen, aber wir haben uns immerhin die Mühe gemacht, uns ans andere Ende der Welt zu bringen, uns mit dem verdammten Kopfschmerz von der Höhe abzufinden, auf den holprigen Pisten durchgerüttelt zu werden, die in einem großen Teil des Landes als Straßen gelten und viel zu viele fettige Nudeln zu essen. Ich hätte mich mit noch viel mehr abgefunden für das Privileg, ein Land zu sehen, das den Dharma seit über 1200 Jahren gehegt und gepflegt hat, wo der Buddhismus in die Landschaft gemeißelt ist und in die Herzen vieler seiner Bewohner gegraben ist – so tief, dass fünfzig Jahre chinesischer Unterdrückung nicht fähig waren, ihn auszuradieren.                                                                                        

Das ist das letzte, das ich euch zeigen möchte. Für mich ist es ein Bild, das die ganze Reise irgendwie zusammenfasst.                                      

Wir waren in Lhasa in einem Taxi und fuhren eine breite und belebte Straße hinunter in einem neuen Teil der Stadt. Wir hielten vor einer Ampel an einer belebten Kreuzung, vor uns knatterten Autos und Lkws. Dann fingen meine Ohren inmitten des Maschinenlärms einen anderen, unverkennbaren Klang auf. Als ich mich nach rechts wendete, sah ich diese alte Tibeterin. Sie saß einfach auf dem Bürgersteig neben der Ampel. In ihrer rechten Hand hielt sie eine große doppelseitige Trommel, in ihrer Linken eine Vajra-Glocke und sang. Ich wusste sofort, aus dem dumpfen Klang der Trommel und dem durchdringenden Klang der Glocke, dass sie Chöd praktizierte, eine tantrische Praxis, bei der man die Anhaftung an den Körper aufgibt, indem man ihn meditativ in segensvollen Nektar transformiert, den man dann allen Lebewesen anbietet.

Irgendwie hat sich mir das Bild dieser alten Frau, die Chöd praktizierte, eingeprägt. Sie war nicht im Tibeterviertel der Stadt. Sie war nicht an irgendeinem wilden Platz in den Bergen. Sie saß auf einem neuen Bürgersteig, an dem der Verkehr vorbeibrauste. Aber geistig war sie in einer anderen Welt und bot allen Lebewesen den Nektar der Befreiung an. Tibetern, Chinesen, jedem. Für mich symbolisiert sie den Geist des tibetischen Buddhismus. Das Land mag erobert worden sein, mag bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden sein, doch noch immer überlebt hier etwas von dem altruistischen Bodhisattvageist, der alles Leiden und alle Schwierigkeiten transzendiert.

Wenn ihr also die Chance habt, geht. Geht, bevor es völlig von Touristen überschwemmt wird. Wenn möglich, geht bald, vor dem unvermeidlichen Anstieg der Spannungen bis 2009, dem fünfzigsten Jahrestag des chinesischen Einmarsches und des Exils des Dalai Lama. Ich fand die Höhe nicht leicht. Für gewöhnlich schlief ich vier Stunden oder weniger in der Nacht und kam als Souvenir mit einem Lungeninfekt nach Hause, der zwei Monate anhielt. Aber ich bin sehr froh, dass ich gefahren bin. Und ich bin Dagyab Rinpoche, Elke und Püntsok sehr dankbar, dass sie es möglich gemacht haben, und allen meinen Reisegefährten, dass sie die Reise zu einer so reichen und erfüllenden Erfahrung gemacht haben.